Der Autor Lew Kopelew

Lew Kopelew und Raissa Orlowa in Crottorf im Sommer 1981                                                     FSO 01-3



Lew Kopelew über seine schriftstellerischen Erstversuche und weitere Tätigkeiten:

„Im Herbst 1923 kam ich endlich in die Schule ( … ). Die Schule mochte ich ( … ) gar nicht, und als ich die Masern bekam, freute ich mich darüber wie über eine Befreiung. Ich war selig in dem halbdunklen Zimmer ( … ) und vergoß bei meinem ersten selbstverfassten Gedichten Tränen. ( … )


Im Herbst und Winter 1929/30 arbeitete ich auf der Eisenbahnstation Osnowa bei Charkow als Leiter und Lehrer der Abendschule für Halbanalphabeten ( … ). Ich hatte viel Freizeit, und fuhr daher fort, zu dichten, Meldungen, Artikel und Liedertexte für das örtliche Blatt und die Zeitungen in der Stadt zu schreiben. Ich schrieb russisch und ukrainisch; lobte die besten Schüler meiner Schule, entlarvte Säufer, Arbeitsscheue, Bürokraten… ( … ) Von 1930 bis 1934 arbeitete ich in einer Lokomotiven-Fabrik. Zuerst war ich Arbeiterkorrespondent, dann Mitarbeiter an der Werkszeitung, von 1932 an auch verantwortlicher Redakteur des Abteilungsblattes. Sämtliche Artikel und Meldungen schrieb ich auf ukrainisch. ( … ) Damals schrieb ich meine Gedichte nur auf ukrainisch.

( … ) Russisch sprach ich zu Hause mit den Eltern, mit den meisten Freunden und Altersgenossen, ( … ). Meine Gefühle, meine Weltauffassung wurden vor allem vom russischen Wort, von russischen Lehrmeistern geschult und entwickelt, ( … ). Rußland war ja auf meinen Bücherregalen wie in mir selbst. Ich dachte sowieso immer auf Russisch.

( … ) Ich war gegenüber meinen Kameraden ( … ) im Vorteil: Ich sprach gut Deutsch, einigermaßen Esperanto, ein bisschen Polnisch, ein bisschen Französisch, und ich lernte schon Englisch.


1933 [an der Charkower Universität], gleich im ersten Semester wurde ich zum verantwortlichen Sekretär [der Universitätszeitung] ernannt. ( … ) Die Arbeit an der kleinen wöchentlich erscheinenden Universitätszeitung kam mir anfangs wie ein Kinderspiel vor. Die Autoren – Studenten und Dozenten – waren natürlich gebildeter und gewandter im Ausdruck als die Leute im Werk. Ihre Artikel und Glossen mussten nur gekürzt werden.

( … ) Oft ging ich schon früh morgen vor den Vorlesungen in den Redaktionskeller, auch fast in jeder Pause und immer nach den Vorlesungen. Ich las Korrektur, richtete den Umbruch ein, bereitete das Material für die nächste Nummer vor.  ( … )


Wenn ich aus den Tiefen des Redaktions- und Druckereikellers nach oben kam, stürzte ich mich in einen Ozean von Aktivitäten. Keine Vorlesung, kein Seminar wollte ich versäumen, ich schrieb alles möglichst wörtlich mit, las jede Pflichtlektüre, auch alles, was die Dozenten fakultativ empfahlen und suchte darüber hinaus noch Bücher, die überhaupt nicht genannt worden waren ( … ).


( … ) Zwei Jahre später trat ich in Moskau ins Fremdspracheninstitut ein, weil ich hoffte, durch Kenntnis fremder Sprachen und Literaturen meinem Lande und der Weltrevolution dienen zu können ohne jene Gewissensskrupel, denen sich alle konfrontiert sahen, die mit Philosophie, Politökonomie, neuester Geschichte – besonders der heimatlichen –  und Journalistik zu tun hatten. ( … )


Im Gefängnis schrieb ich Gedichte, um mein Gedächtnis zu stärken und meine geistigen Kräfte zu erhalten.“


Lew Kopelew: Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1979




Lew Kopelew und Raissa Orlowa mit einem Exemplar des in USA verlegten Buches „Хранить вечно"

(„Aufbewahren für alle Zeit“) in ihrer Moskauer Wohnung, 1975.                                          FSO 01-3



Raissa Orlowa – Amerikanistin, Literaturkritikerin, Übersetzerin und Autorin:

„Ich werde mein Leben wahrscheinlich so beschließen, wie ich es begonnen habe: inmitten von Büchern.“ Ich könnte diese Worte von Sartre wiederholen. Von Kind an habe ich viel gelesen, mein Elternhaus war voll Bücher, ich studierte an der literarischen Fakultät, mein ganzer Lebenskreis, der private wie der berufliche, war und ist mit Büchern verbunden, wird nun wohl für immer mit ihnen verbunden bleiben.


( … ) Im Jahre 1947 begann ich mein postgraduiertes Studium an der Aspirantur des Instituts für Weltliteratur. ( … ) Es war uns die Aufgabe gestellt, die Amerikaner und ihre Literatur zu „entlarven“. Das ist es, was mir in der Aspirantur – beinahe erfolgreich – beigebracht wurde. Meine Artikel wurden veröffentlicht, das Schreiben fiel mir damals erstaunlich leicht. Aufträge kamen in Mengen, ich schrieb verläßlich und lieferte termingerecht ab – schrieb, was man von mir erwartete. ( … ) Heute, fünfzehn Jahre danach, wird auch die kleinste Buchrezension für mich zur Höllenqual. ( … ) 1956 begann Lew an einem Buch (Das Herz ist immer links) zu schreiben, er schlug mir vor, dasselbe zu tun. Ich winkte ab: ich sei nicht reif für ein eigenes Buch, nichts von dem, was ich an Artikeln zwischen 1947 und 1953 geschrieben hatte, war es wert, wieder gelesen zu werden.


Meine erste Publikation, derer ich mich nicht schäme, war eine Rezension über den Roman von Martha Dodd „The Searching Light“. Doch das war bereits 1955 ( … ). Im Winter 1955 bot man mir die Mitarbeit in der Redaktion der „Inostrannaja literatura“, die Zeitschrift für ausländische Literaturen, an.


( … ) Im Dezember 1954 erfuhr ich, dass Lew Kopelew aus dem Lager heimgekehrt war. Sofort machte ich mich auf den Weg zu ihm. Meine erster Eindruck: Er hat sich nicht verändert. Im September 1956 nimmt mich Lew mit, um mir den Ort zu zeigen, an dem er sieben Jahre eingesperrt war. Gegenüber dem Moskauer Backsteingebäude, es ist das Forschungsinstitut, in dem Häftlinge gearbeitet haben.


( … ) Lange gingen wir nach dem Besuch ( … ) spazieren, es fiel uns schwer, uns wieder zu fassen. Da bat ich Lew, mir ausführlich, Tag für Tag zu erzählen, wie das war – die ganzen zehn Jahre. Wir brauchten es beide. Mit Unterbrechungen – es war ihm beinahe unmöglich, lange zu erzählen, und mir, lange zuzuhören – dauerte der Bericht drei Monate.


Doch ich ließ nicht locker: „Erzähl alles, woran du dich erinnerst.“ Und er erinnerte sich damals fast an alles.


1960 begann er mit seinem Buch „Aufbewahren für alle Zeit“.


( … )


Am 10. Februar 1968 – der Prozess gegen Ginsburg und Galanskow war vorüber – [auf einer Geburtstagsfeier]: Lew hatte einen Protestbrief verfasst, las ihn nun am Geburtstagstisch vor. Der Gefeierte war aufgewühlt: „Ich bange noch mehr um dich als früher. Ich bin stolz, dein Freund zu sein. Doch tun, was du tust, kann ich nicht.“ ( … ) In Lews Briefen lag Hoffnung. ( … )


Am 21. August [1968] trommelt Lew wie wild an die Tür des Badezimmers: „Schnell, komm raus! Panzer in Prag!“. ( … )


Das immer seltener zu Kompromissen bereite schriftstellerische Gewissen zwang unnachgiebig zu neuen Worten.


( … ) Der Kreis unserer „Wir“ wurde nach 1968 immer enger. ( … )


1977 kam der ausgezeichnete bibliographische Sammelband „Die amerikanische Literatur in der russischen Kritik und in russischen Übersetzungen“ ( … ) heraus. Ihn ihm fehlen sämtliche Artikel von Lew Kopelew, und jene, die wir zusammen veröffentlicht hatten, erschienen allein unter meinem Namen. ( … )


Am 12. November 1980 schloß sich hinter mir der Ausstieg aus dem Flugzeug, später verlor ich das Recht, in die Heimat zurückzukehren.*



* 1991 erst wurde Raissa Orlowa die russische Staatsangehörigkeit - postum - wieder zuerkannt.


Raissa Orlowa-Kopelew: Eine Vergangenheit, die nicht vergeht. Rückblicke aus fünf Jahrzehnten. Albrecht Knaus Verlag, München und Hamburg 1985



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