Jetzt ist der Moment:

Der Ukraine helfen, diesen Kriegswinter zu überstehen!

Die Niedertracht kennt immer noch Steigerungen. Nachdem Putins Plan, die Ukraine militärisch zu zerschlagen und als eigenständige Nation auszulöschen, am entschlossenen, von der ganzen ukrainischen Gesellschaft getragenen Widerstand gescheitert ist, soll nun das Land durch die Zerstörung seiner lebenswichtigen Versorgungsstrukturen – insbesondere des Energiesystems - in die Knie gezwungen werden. Die in Tschetschenien und Syrien erprobten Methoden eines Vernichtungskriegs gegen die Zivilbevölkerung, exemplarisch an Grosny und Aleppo exekutiert, werden jetzt auf die freie Ukraine im Ganzen angewandt. Die Bombardierung der Wohnquartiere, die gezielte Zerstörung der Lebensbedingungen von Millionen Menschen, die Ermordung von Zivilisten, die Vergewaltigungen und Deportationen verstoßen bereits heute gegen die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen.

Nun steht der Winter bevor. Schon jetzt kann man sehen, was es bedeutet, wenn Heizung, Licht und Elektrogeräte ausfallen, es kein Trinkwasser mehr gibt, Fenster nicht ersetzt werden können, wenn Städte im Dunkel versinken, Schulen und Kindergärten schließen müssen, Krankenhäuser ihre Patienten nicht mehr behandeln können und Betriebe ihre Arbeit einstellen müssen. Seit Beginn des neuerlichen russischen Angriffs mussten bereits mehr als 14 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, weitere Millionen sollen zur Flucht gezwungen werden.

Gelänge es Putin, die Ukraine in den Zusammenbruch zu treiben, gerieten auch die europäische Sicherheitsordnung, die Europäische Union und das transatlantische Bündnis ins Wanken. Dann ist kein Land im ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion mehr sicher, die antidemokratischen Kräfte bekommen Auftrieb und das Völkerrecht liegt in Trümmern.

Aus diesem Grunde ist die Unterstützung der zivilen und militärischen Widerstandskraft der Ukraine nicht nur eine moralische Pflicht. Sie liegt vielmehr in unserem ureigenen Interesse.

Wie können wir dazu beitragen, damit die Ukraine diesen Winter durchstehen kann?
- Jede/r einzelne kann für die Ukraine spenden.

- Humanitäre Hilfsorganisationen können ihr Engagement für die Ukraine verstärken.

- Städte können bilaterale Unterstützung für ukrainische Partnerstädte leisten.

- Betriebe können lebenswichtig benötigtes technisches Gerät, Generatoren, Fahrzeuge, Baumaterial und Kraftstoffe bereitstellen.

- Bundesregierung und EU müssen ihre finanzielle und militärische Hilfe aufstocken: Die Ukraine braucht dringend Nothilfe, und sie braucht nicht minder dringend moderne Waffen, um ihre Städte zu schützen und die Invasionstruppen zurückzudrängen.

Am 10.Dezember ist der Internationale Tag der Menschenrechte, begründet von den Vereinten Nationen im Jahre 1948. In diesen Tagen denken wir ganz besonders an die um ihre Würde und ihre Freiheit kämpfenden Menschen in der Ukraine und ebenso im Iran. Wir wollen an diesem Tag an die Welle der Solidarität anknüpfen, die nach Beginn der russischen Invasion durch unser Land ging. Kommunen, Medien, Stiftungen, karitative Organisationen, Unternehmen, Kulturinstitute und Hunderttausende Bürger haben reagiert auf das, was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs undenkbar erschien. Diesen Geist der Solidarität gilt es, ungeachtet aller Härten bei uns, jetzt wiederzubeleben. Nichts wäre für die Ukraine gefährlicher als eine schleichende Ermüdung der westlichen Öffentlichkeit und Politik.

 
Putins Katastrophenstrategie darf nicht aufgehen! Die von der ukrainischen Friedensnobelpreisträgerin Olexandra Matwijtschuk zitierte Parole „Für unsere und für eure Freiheit!“ gilt auch umgekehrt: „FÜR EURE UND FÜR UNSERE FREIHEIT!“

 SPENDEN gehen am besten an eine der schon existierenden Initiativen oder auf den von Präsident Wolodymyr Selensky eingerichteten nationalen Spendenfonds UNITED24
���� https://u24.gov.ua/

 
Erstunterzeichner/innen:
Swetlana Alexijewitsch
Aleida Assmann
Jan Assmann
Martin Aust
Rüdiger Bachmann
Gerhart Baum
Marieluise Beck
Christoph Becker
Jan C. Behrends
Pamela Biermann
Wolf Biermann
Marianne Birthler
Helene v. Bismarck
Werner Bohleber
Christoph Buch
Detlev Claussen
Dany Cohn-Bendit
Dan Diner
Sabine Döring
Tom Enders
Benno Ennker
Sabine Fischer
Rüdiger v. Fritsch
Ralf Fücks
Durs Grünbein
Irene Hahn-Fuhr
Rebecca Harms
Andreas Heinemann-Grüder
Ulrike Herrmann
Richard Herzinger
Christoph Heusgen
Kerstin Holm
Wolfgang Ischinger
Andreas Kappeler
Daniel Kehlmann
Gerald Knaus
Gerd Koenen
John Kornblum
Remko Leemhuis
Claus Leggewie
Anna Leszczynska
Sabine Leutheusser-Schnarrenberger
Marianne Leuzinger-Bohleber
Renate Liesmann-Baum
Wolf Lotter
Carlo Masala
Markus Meckel
Eva Menasse
Herta Müller
Bianka Pietrow-Ennker
Jan Plamper
Ruprecht Polenz
Katharina Raabe
Jens Reich
Eva Reich
Hedwig Richter
Thomas Roth
Manfred Sapper
Gwendolyn Sasse
Stefanie Schiffer
Karl Schlögel
Peter Schneider
Bruno Schoch
Ulrich Schreiber
Richard Schröder
Martin Schulze Wessel
Linn Selle
Constanze Stelzenmüller
Sebastian Turner
Andreas Umland
Gert Weisskirchen
Michael Zürn

Lew Kopelew und Fritz Pleitgen 1992 in Polen. Bild: Maria Klassen

„Dahin wollte keiner…!“

Fritz Pleitgen, Lew Kopelew und ein völlig unmöglicher Abschied.

Von Thomas Roth.

Auch nach vielen Jahrzehnten ihrer glücklichen Ehe bekam Fritz Pleitgen immer noch ein Funkeln in die Augen und lächelte verschmitzt, wenn er erzählte wie er damals, als alles anfing, seiner reizenden jungen Frau die glückliche Zukunft ausmalte. Es wartete die große weite Welt auf sie, das war sicher. Die Welt wartete auf den engagierten und kommenden Auslandskorrespondenten mit Frau in, sagen wir, Paris oder London oder anderswo, wo es schön ist. „Dass du die Frau eines Auslandskorrespondenten wirst, davon kannst du ausgehen!“, versicherte er seiner Frau lächelnd. Dann folgt eine Pause. Sozusagen der „Cliffhanger“ in seiner Erzählung. „Ich mußte ihr dann sagen, dass es nicht Paris wird, auch nicht London, sondern Moskau!“ Wieder eine Pause während er in die Kamera schaute, der er das alles für eine Dokumentation erzählte. „Das Dumme war, „dahin wollte damals keiner…das galt als finsteres Loch“ und als „aggressiv!“ Dahin ging es also. Von wegen Paris oder London. Wir schreiben das Jahr 1972. Es ist die hohe Zeit des Kalten Krieges. Der kommunistische Staat samt Atomraketen und KGB drohte in der westlichen Wahrnehmung äußerst düster aus dem Osten herüber und hatte alles im Griff. Hatte er das ?

Dort drüben im Osten, in Moskau, lebte ein anderer Mann, der nicht aus Moskau, sondern aus dem ukrainischen Kiew stammte und dort sogar bestens Deutsch gelernt hatte, was sein späteres Leben entscheidend prägen sollte: Lew Sinowjewitsch Kopelew. Begeisterter Kommunist in den jüngeren Jahren, gebildet, Literat und eventuell kommender Schriftsteller. Aber zunächst vor allem Verteidiger der Sowjetunion gegen den mörderischen Überfall der Wehrmacht und des deutschen Faschismus. Als Teil der Roten Armee und als ihr Offizier bewegte er sich nach mehreren Schlachten, unter anderem der zur Verteidigung Moskaus, schließlich im Januar 1945 Richtung Westen auf dem Weg nach Königsberg und Berlin. Doch in Berlin kam er nicht an. Seine Menschlichkeit wurde ihm vorher zum Verhängnis. Er setzte sich für die Schonung der deutschen Zivilbevölkerung in Ostpreußen ein, wurde verhaftet und schließlich wegen „bürgerlichem Humanismus“ und „Mitleid mit dem Feind“ von einem sowjetischen Militärgericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Gulag also.

Erst ein Jahr nach Stalins Tod kam er 1954 frei. Später wurde er zwar rehabilitiert, aber geriet trotzdem in die sich wieder verhärtende sowjetische Repressionsmaschine wegen seiner Sympathie für oppositionelle Bewegungen im Ostblock und für Männer wie Sacharow und andere kritische Intellektuelle. Er war Teil der kleinen „Dissidentenszene“ in Moskau, ein Ausdruck, den Kopelew allerdings nicht mochte. Er sah sich auch später immer (zurecht) als Bürgerrechtler.

Inzwischen war der kleine Taunus 17 m in Moskau angekommen, mit dem Fritz Pleitgen immerhin von Köln nach Moskau gefahren war. Eigentlich ein klassisches „no-go“, oder besser ein „no-drive“. Das machte damals niemand, der bei Verstand war. Jedenfalls niemand aus dem äussersten Westen Deutschlands. Aber einer eben doch - eben weil er bei Verstand war. Beim Pleitgenschen Verstand. Und so begann diese lange Reise von Fritz Pleitgen Richtung Osten, die ihn für den Rest seines Lebens nie wieder los ließ - egal auf welchem Kontinent er gerade lebte. Oder in welcher Führungsetage des WDR er sich aufhielt. Auch in der ganz oben. Bis zur Entdeckung seiner Krankheit reiste er immer wieder nach Moskau. Über viele Jahre hinweg. Und dort in Moskau hatten sie sich ja dann auch getroffen. Der ehemalige Gulaghäftling Kopelew und der neue Korrespondent Pleitgen.

„Lew Kopelew“, so schilderte es Pleitgen, „der Germanist und Humanist aus Kiew war in Breschnjews Sowjetunion eine exotische Erscheinung. Er galt als wandelnde Enzyklopädie. Sein Wissen über russische und westliche Literatur war phänomenal. Wer sich als westlicher Diplomat oder Korrespondent über die Kulturen und die Geschichte der Sowjetvölker informieren wollte, wandte sich an ihn. Er war damals für uns wie Google heute. Nur besser, weil es stimmte, was er uns mitteilte.“

So begann die Freundschaft zwischen den beiden Männern in den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im damals noch viel graueren Moskau. Sie war nicht ohne Kontroversen, kein Wunder bei den ausgeprägten Charakteren, aber sie war voller Zuneigung füreinander und überdauerte alle Veränderungen und politischen Stürme. Erst der Tod beendete sie. Oder begründete sie neu. Dazu kommen wir gleich.

Da hatten sich also zwei gefunden. Beide waren sie, jeder für sich und dann auch zusammen, eine sehr besondere Mischung aus geradliniger Entschlossenheit, Eigensinn, Temperament und einer tiefen Humanität. Paradoxerweise führte die durchaus hinterhältige Zwangsausbürgerung Kopelews und seiner Frau Raissa durch die Sowjetbehörden Anfang 1981 die beiden Männer nun noch beständiger in Köln zusammen, da Pleitgen ausgangs der 80er Jahre aus den USA zum WDR nach Köln zurückkehrte. Und ein nicht unbedeutender Dritter war auch schon da, der lange vor beiden in Köln lebte und sich unter Widrigkeiten mit Kopelew befreundete als der noch im sowjetischen Moskau wohnte: Heinrich Böll mit seiner Frau Annemarie.

Allesamt mischten sie sich nun getrennt und zusammen ein in das Leben dieser noch etwas verklemmten und irgendwie vernagelten Bundesrepublik Deutschland auf dem Weg in die Moderne. Sie hatten großen Respekt und Achtung voreinander. Bange war keinem von ihnen. Eine Eigenschaft, die Fritz Pleitgen auf dem Weg vom Korrespondenten zum Medienmanager und Intendant des WDR sehr großen Respekt eintrug - besonders bei denen, die das aus der Nähe betrachten durften. Pleitgen war angstfrei und tat was er für richtig hielt. Ich erinnere noch einen Satz von ihm, als es ein durchaus schwieriges Problem zu bewältigen galt :“Dann fahren wir eben Steilwand!“ Er und sein Team fuhren dann Steilwand. Es klappte. Neue Programme entstanden. Scheinbar Unmögliches gelang. Manches ging schief. Ein neuer Fernsehkanal entstand wie Phoenix aus der Asche. Deshalb hieß und heißt er auch „Phoenix“ und sendet bis heute.

Die geneigten Leserinnen und Leser dieser Erinnerungen und dieses „völlig unmöglichen Abschieds“ bemerken sicherlich an dieser Stelle, daß diese Erinnerungen die Tendenz haben, sich in eines oder mehrere Bücher umzuformen. Davon haben Pleitgen wie Kopelew viele vollgeschrieben. Aber das wollen wir hier nicht tun. Ein paar weitere Erinnerungen sind allerdings noch nötig.

War diesem Fritz Pleitgen etwas von dem, was in seinem späteren Leben an beruflichen Überraschungen und beeindruckenden Auszeichnungen dann kam, in die Wiege gelegt? Nein, nichts davon. Er war ein 1938 in Duisburg geborenes Kind des Ruhrgebiets mit fünf Geschwistern. Hunger und Armut kannte er. Und den Krieg. Die Nazis und ihre begeisterten braunen Unterstützer in Millionenzahl hatten das Höllenfeuer entzündet und über Europa gebracht. Pleitgen schildert das so: „Der Krieg begann in Essen sehr früh, weil Essen als Waffenschmiede Ziel von Bombenangriffen der alliierten Streitkräfte war. Und ich kann mich daran erinnern, dass meine erste Wahrnehmung als Kleinkind in diesem Leben Sirenengeheul waren und Flammen.“ Die Hungerwinter, die Evakuierung nach Schlesien und wieder zurück. Als bitterarmes Flüchtlingskind. Die durch die Wirren zeitweise getrennte Familie fand sich wieder zusammen. Als das Höllenfeuer langsam ausbrannte war das Ruhrpottkind Fritz sieben Jahre alt. Jetzt schon mit Erfahrungen ausgestattet, die für ein ganzes Leben gereicht hätten, um wieder auszuheilen.

Aus all den Hindernissen und Widrigkeiten des Anfangs machte er viel. Und vieles davon hat ihn selbst überrascht. Karrierestufen hat er nicht geplant. Wer ihn beobachten durfte weiß das. Und so hat er es auch selbst geschildert. Karrierestufen sind ihm eher „passiert“. So wurde er zu seiner Überraschung 1977 von Moskau nach Ostberlin versetzt, obwohl er die DDR nicht mochte. Umgekehrt war das genauso. Die Stasi kümmerte sich um ihn. Sie verdrahtete kräftig Wohnung und Büro. Und umgab ihn mit sogenannten „IMs“. Das konnte er später nachlesen.

Aus den USA bat ihn sein Sender zurück, denn der brauchte einen Chefredakteur. Später, auch das eine Überraschung für ihn, die sein Intendant Friedrich Nowottny ihm ausgerechnet bei einem gemeinsamen Besuch in Moskau eröffnete, brauchte der Sender einen Hörfunkdirektor und schließlich dann einen Intendanten. Fritz Pleitgen war da und gab zurück für das, was er bekommen hatte. So sah er das. Und aus meiner Sicht prägte genau diese Haltung die tiefe Freundschaft zwischen ihm und Lew Kopelew. Sie beanspruchten sich gegenseitig, aber sie gaben sich auch enorm viel.

Fritz Pleitgen lernte vor vielen Jahren in Moskau zum Beispiel durch Kopelew einen ihm bis dahin völlig unbekannten Arzt kennen, der bedauerlicherweise allerdings schon über 150 Jahre tot war. Pleitgen schildert das so: „Schon bei unserer ersten Begegnung fragte er mich, was ich von Friedrich Josef-Haass wußte. Zu seinem nicht geringen Entsetzen musste ich ihm gestehen, dass ich von dem Friedrich Joseph-Haass noch nichts gehört hatte….Das muss anders werden, knurrte Kopelew und erzählte mit Hingabe von den menschenfreundlichen Taten des „Heiligen Doktors von Moskau“, der Epidemien gestoppt habe und sich bis zur Selbstaufopferung um die Ärmsten der Armen, insbesondere um die Sträflinge gekümmert hätte….“

Pleitgen interviewte Kopelew auf dem entsprechenden Moskauer Friedhof am Grab des „Doktors“. Der daraus entstandene Fernsehbericht trug sehr entscheidend dazu bei, dass der Name des Doktors, der im vorletzten Jahrhundert von Bad Münstereifel nach St Petersburg und schließlich nach Moskau gereist war und ab dann in Russland lebte, in Deutschland überhaupt erst (wieder) bekannt wurde. Vom „Deutsch-Russischen Forum“ wurde schließlich der „Friedrich Joseph-Haass Preis“ gestiftet, den Fritz Pleitgen 2017 in Berlin verliehen bekam. Gewissermaßen als einen weiteren fernen Gruß des 1997 in Köln verstorbenen und nun neben seiner Frau Raissa auf einem Moskauer Friedhof in seiner Urne ruhenden Lew Kopelew. Es scheint aber, als hielte er dort einfach nicht still.

Das kann er auch gar nicht. Denn Fritz Pleitgen gründete zusammen mit anderen Freunden und Weggefährten Kopelews nach dessen Tod das „Lew-Kopelew-Forum“ in Köln, um das Andenken und die demokratischen und humanistischen Ideale Kopelews, die auch seine eigenen waren, zu ehren und für die Zukunft zu wahren. Im Tod also erhielt die Freundschaft eine neue Grundlage. Und genau deshalb können Sie zum Beispiel diese Erinnerungen hier an dieser Stelle in genau diesem Augenblick auf genau dieser Website des Lew Kopelew Forums lesen.

Fritz Pleitgen war lange Vorsitzender unseres gemeinnützigen Vereins und seit knapp fünf Jahren Ehrenvorsitzender. Auch während seiner Krebserkrankung, die er selbst öffentlich machte, kümmerte er sich und war neugierig, was wir denn im Forum alles so treiben. Das war zum letzten Mal so wenige Wochen vor seinem Tod als ich ihn zuhause besuchte. Stillstand war Pleitgens Sache nicht. Die Sache von Kopelew ebenso wenig. Also ist es auch nicht unsere.

Es bedeutete vielleicht sogar so etwas wie eine persönliche Tragik, dass Fritz Pleitgen die Entfesselung des ungeheuerlichen russischen Angriffskrieges auf die Ukraine durch den vom Autokraten zum Diktator bis zur Kenntlichkeit gewandelten Putin und seine Unterstützer noch miterleben mußte. Pleitgens Anliegen war immer die Aussöhnung besonders mit Russland und den Staaten der Sowjetunion, in denen die deutsche Kriegsmaschine, die Einsatzgruppen und die SS so furchtbar gewütet hatten. Nun mußte er an seinem Lebensende noch mit ansehen, wie ein ehemaliger KGB Agent all das vermutlich auf Jahrzehnte hinaus brutal, blutig und skrupellos zerschlug und tausende Menschen deshalb starben. Und sterben werden sehr wahrscheinlich noch viel mehr. Aber Pleitgen scheute sich nicht, das in seinen letzten Radio- und Fernsehinterviews auch klar und direkt auszudrücken: „Putin ist ein Kriegsverbrecher!“

Nun nur noch eine tatsächlich abschließende Bemerkung bei diesem in Wahrheit „völlig unmöglichen Abschied“:

Wie bereits erwähnt überwachten die charakterlosen und hinterhältigen Hohlköpfe von der Firma „Horch und Greif“, also der Stasi, Pleitgen natürlich während seiner Zeit als Korrespondent in der DDR. Und sie gaben ihm damals einen Namen, den er später vorfand - prangend auf seiner Stasiakte. Sie nannten ihn „Tiger“. Ach, wenn diese Hohlköpfe auch nur im Ansatz gewußt hätten wie recht sie hatten!

Nun hat sich der Tiger schlafen gelegt.

Welch eine Trauer.


Für das Lew Kopelew Forum
Thomas Roth, Vorsitzender


Der Nachruf für Fritz Pleitgen von der Vorständin des Lew Kopelew Forums Maria Klassen auf der Seite der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen

Krieg in Europa. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen

Der Krieg in der Ukraine hat tiefgreifende Folgen für uns alle – jetzt, aber vor allem in der Zukunft. Diese Folgen stehen bei der Konferenz “Krieg in Europa“ (16./17. Juni in Bonn) im Mittelpunkt. Expert*innen aus sechs Ländern diskutieren die Auswirkungen des Krieges und analysieren, was diese auf lange Sicht für uns alle bedeuten.
Im Zentrum der Konferenz stehen die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des Krieges. Wir alle spüren sie bereits jetzt: Hunderttausende Geflüchtete werden in Deutschland und der EU aufgenommen, die (Energie)preise steigen, Finnland und Schweden geben ihre jahrzehntelange Neutralität auf und streben in die NATO. Damit sind nicht unerhebliche Herausforderungen verbunden, die auf der Tagung diskutiert werden.


Dazu hat die DGO renommierte Expert*innen aus der Ukraine, Deutschland, Belarus, Russland, Tschechien und Estland eingeladen, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Fachleute aus den Geschichts- Politik- und Wirtschaftswissenschaften sind dabei ebenso vertreten wie Schriftsteller*innen, Philosoph*innen und Journalist*innen.


Wir bedanken uns bei der Deutschen Stiftung Friedensforschung für die finanzielle Förderung der Jahrestagung.

Konferenz: Krieg in Europa. Politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen
Datum: 16.06., 18:00 Uhr bis 17.06.2022, 17:30 Uhr
Ort: Gustav-Stresemann-Institut e.V.
Europäische Tagungs- und Bildungsstätte
Langer Grabenweg 68
53175 Bonn


Sprache(n): Deutsch und Englisch, simultan gedolmetscht


Anmeldung unter: https://dgo-online.org/kalender/berlin/2022/krieg-in-europa/



Wie ukrainische Kinder den Krieg erleben

Kreissparkasse Köln zeigt Ausstellung mit Zeichnungen ukrainischer Kinder vom 18.5. bis zum 10.6.2022 in der Kassenhalle am Kölner Neumarkt

Köln, den 18. Mai 2022

Ein Panzer beschießt ein Haus, und die Sonne weint. Graue Bomben fallen aus einem Flugzeug auf die Stadt. Ein trauriges Mädchen erinnert sich an blühende Gärten. Es sind intensive Bilder vom Krieg in der Ukraine, von der psychischen und physischen Not, dem Entsetzen der Menschen, welche die ukrainischen Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 18 Jahren gemalt haben. Die Kreissparkasse Köln zeigt vom 18. Mai bis 10. Juni 2022 eine Auswahl von 150 Bildern in ihrer Kassenhalle am Kölner Neumarkt. Zu sehen ist die Ausstellung während der regulären Öffnungszeiten.


Initiiert wurde das Projekt von dem in Deutschland lebenden ukrainischen Softwareentwickler Dr. Grigory Kanovey. Im März telefonierte er mit einer Lehrerin aus seiner Heimatstadt Schostka in der Ukraine, und es entstand die Idee, Schulkinder ihre Gefühle und Gedanken, die sie in dieser harten Zeit erleben, mit Farben und Stift in Form von eigenen Zeichnungen äußern zu lassen. Innerhalb von vier Tagen erhielt Kanovey rund 80 Kinderbilder über die befreundete Lehrerin per E-Mail – und es werden regelmäßig mehr, weitere Schulen anderer ukrainischer Städte, insbesondere Dnipro, beteiligen sich. Mit Hilfe der gesammelten und öffentlich präsentierten Kinderkunstwerke soll die Not der Ukraine möglichst vielen Menschen noch bewusster gemacht werden und die Herzen der Menschen erreichen.

Die Ausstellung findet in Zusammenarbeit mit dem Verein Blau-Gelbes Kreuz e.V. statt. Der Blau-Gelbes Kreuz e.V. ist ein staatlich anerkannter gemeinnütziger Verein mit Sitz in Köln, der Hilfe für die Opfer des Krieges, insbesondere für Kinder, Binnenflüchtlinge, verletzte und stark bedürftige Menschen aus den vom Krieg betroffenen Regionen leistet. So organisiert der Verein beispielsweise Projekte wie „Ferien ohne Krieg“, mit dem Hauptziel, den durch den Krieg in der Ostukraine verletzten und/oder verwaisten Kindern Ferien zu ermöglichen.



Bild: Karl-Heinz Korn

Was würde Kopelew dazu sagen?

Zum 110. Geburtstag des Germanisten und Bürgerrechtlers Lew Kopelew

Als das 21. Jahrhundert begann, beklagte der renommierte WDR-Journalist Klaus Bednarz öfters, wie sehr ihm nach vielen Konflikten in der Gesellschaft, insbesondere in Osteuropa die Stimmen eines Heinrich Bölls (1917-1985) und eines Lew Kopelews (1912-1997) fehlen. Diese drei Männer gehörten zwei Generationen an, die eine gemeinsame Frage verband: Wie konnten Deutsche und Russen nach den Gräueltaten des Nazi-Deutschlands, des Holocausts und des Zweiten Weltkriegs wieder zueinander finden?


Vielleicht erinnern sich noch einige Kölner an das 1979 im WDR ausgestrahlte eindrucksvolle Gespräch, das Klaus Bednarz mit Heinrich Böll und Lew Kopelew führte. „Warum haben wir aufeinander geschossen?“ fragten einander der ehemalige Gefreiter der Wehrmacht und der ehemalige Propagandamajor der Roten Armee.
Als Zeitzeugen und Teilnehmer des schrecklichen Zweiten Weltkrieges wollten sie die Nachgeborenen vor der Verführung durch Ideologien jeder Couleur warnen. Die diesen Systemen inhärenten Populismus und die möglichen Manipulationen schürten Feindbildern und führten zu neuen Kriegen.

Am 9. April wäre Lew Kopelew, der gebürtige Kiewer, Germanist und Bürgerrechtler 110 Jahre alt geworden. Zu gerne hätten wir ihn gefragt, was er zum heutigen Krieg gegen die Ukraine sagen würde. Zeit seines Lebens setzte er sich mit ganzer Kraft für ein einiges Europa und ein Russland als selbstverständlicher Teil von Europa ein. Schon einmal hat Kopelew die Zerstörung Kiews erlebt und diese im ersten Band seiner biografischen Trilogie „Und schuf mir einen Götzen“ beschrieben:
„Im Krieg empfand ich mehr als einmal grenzenlosen, unstillbaren Schmerz bei der Nachricht vom Tode mir naher Menschen. Ich kannte Angst und Verzweiflung. Aber nur zweimal konnte ich die Tränen nicht zurückhalten: am 20. September 1941, als ich im Radio den deutschen Wehrmachtsbericht hörte, die triumphalen Worte des Feindes: „Über Kiew weht die Hackenkreuzfahne…“ Und im April 1944, als ich in das befreite Kiew kam und auf dem Kreschtschatik, unserer schönsten Straße, zwischen Schuttbergen und rauchschwarzen Häuserskeletten herumirrte. Ich erinnerte mich an alles und erkannte nichts wieder. Blind von Tränen, sah ich die Passanten nicht.“
Mit dem Eintreten von Gorbatschows Perestroika und dem Fall der Berliner Mauer begann man am Europäischen Haus zu bauen und lebte in der Zuversicht, die Kriege auf diesem Kontinent im 20. Jahrhundert zurückgelassen zu haben.

Doch nun führt Putins Russland einen Angriffs- und Vernichtungskrieg gegen die Ukraine, verletzt nach der Annexion der Krim 2014 abermals das Völkerrecht und spricht der Ukraine die Daseinsberechtigung ab. Kopelew wies bereits im Jahre 1983 in einer Publikation zu ukrainischen Dissidenten in sowjetischen Gefängnissen darauf hin, dass gegen die Ukraine schon seit langem ein politischer und kultureller Kampf geführt wurde:

„Das ukrainische Volk hatte seit mehreren Jahrhunderten einen sehr schweren Kampf gegen fremde Mächte auszufechten, sowohl gegen staatspolitische Gewalten wie gegen Unterdrückung des geistigen kulturellen Lebens. <…>”


Jahrhunderte lang war die ukrainische Sprache unterdrückt oder verboten und die Bevölkerung einer permanenten Zwangsrussifizierung ausgesetzt. Wie kein anderer wusste Kopelew um die Bedeutung der Sprache für die nationale Existenz:


„Die Ukrainer hatten es schwerer, weil ihre Heimat bereits seit dem Mittelalter immer wieder von eroberungswütigen Nachbarn und Eindringlingen in Stücke zerrissen wurde. (…) Vereint wurden sie aber durch die Sprache und noch mehr durch die Literatur, die Poesie.“


Nicht weniger würde Lew Kopelew das Herz zerreißen, dass Putins Politik innenpolitisch in Russland verbrannte Erde hinterlässt. Denn spätestens seit der manipulierten Wiederwahl Putins im Jahre 2011 wurden praktisch alle demokratischen Entwicklungen und Institutionen in Russland schrittweise zerstört. Alle freien und unabhängigen Medien wurden direkt oder indirekt dieses Jahr gezwungen, ihre Arbeit einzustellen. Die erste und älteste NGO Russlands, die Geschichts- und Menschenrechtsorganisation MEMORIAL, ist inzwischen de facto verboten worden. Das Sacharow-Zentrum, welches das Vermächtnis des Physikers, Nobelpreisträgers und Dissidenten Andrej Sacharows fortführte, musste ebenso die Arbeit einstellen. Auch die junge NGO OVD-Info, der einzig verlässliche Hort, der politische Verhaftungen dokumentiert und Anwälte zur Verfügung stellt, ist als Ausländischer Agent gebrandmarkt worden, was die Arbeit beinahe unmöglich macht. MEMORIAL und OVD-Info gehören zu den Lew-Kopelew-Preisträgern, was jedoch im heutigen Russland keinen Schutz vor Verfolgung mehr bietet. Im Gegenteil.

Nun hat Europa über zwei Millionen ukrainische Flüchtlinge aufgenommen. Aber auch über 100.000 regimekritische Russen haben wegen der zunehmenden Repression das Land verlassen müssen. Fast auf den Monat genau nach 78 Jahren wurde Kiew wieder bombardiert. Diesmal nicht von den Deutschen, sondern von der russischen Armee auf Befehl Putins.


Solange der Krieg nicht an die unmittelbaren Grenzen Westeuropas herangerückt war, in vermeintlich friedlichen Zeiten, schien die Generation Lew Kopelews zunehmend in Vergessenheit zu geraten. Ihre gebrochenen Biografien, geprägt von der Gewalterfahrung der totalitären Regime, des Zweiten Weltkrieges und dem Scheitern von Lebensentwürfen, schienen für die von der Selbstverständlichkeit des Friedens verwöhnte nun mehr dritte Nachkriegsgeneration Westeuropas obsolet.
Dabei hat sich Butscha schon jetzt in das kollektive Gedächtnis Europas eingebrannt.
Wir können nur vermuten, was heute Kopelew gesagt hätte. Doch 50 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges meinte er im Gespräch mit dem Osteuropahistoriker Gerd Koenen:


„(…) der Mai 1945 [war] eine unbestreitbare Erlösung: Erlösung vom Schrecken des Krieges, des grausamsten aller Kriege, und von einem totalitären Terrorregime, das die Welt bedrohte. Dagegen war das Kriegsende für die Russen und für die Menschen im Osten, auch für die Ostdeutschen, zwar eine Erlösung, vom Kriege und von der verderblichen Nazi-Herrschaft; aber zugleich war es der Beginn neuer Heimsuchungen. Und die schwerste Niederlage von allen erlitt vielleicht Russland. Jalta bedeutete auch für Russland den nochmaligen Triumph der unumschränkten totalitären Herrschaft Stalins; und zugleich ein Anwachsen des Chauvinismus, des Großmacht-Chauvinismus, nach innen wie nach außen. Heute zeigen sich die Folgen im Zerfall der Sowjetunion, des früheren Ostblocks, im Krieg in Jugoslawien und in dauerhaften wirtschaftlichen und sozialen Krisen.“
Bedrückend prophetische Worte, die im Westen, insbesondere im wiedervereinten Deutschland, wie man heute deutlicher sehen kann, nicht ernst genug genommen wurden. Umso dringender möchte man den heutigen Lesern die Werke von Hannah Arendt und Lew Kopelew als Pflichtlektüre ans Herz legen.

Berlin-Bremen-Köln am 9. April 2022
Maria Birger (Beiratsmitglied des Lew-Kopelew-Forums)
Maria Klassen (Vorstands- und Beiratsmitglied des Lew-Kopelew-Forums)

Lew Kopelews Biografie zum Nachlesen


Wir trauern um unser Beiratsmitglied und Mitbegründerin des Lew Kopelew Forums 
Dr. Elisabeth Weber

(16.05.1941 in Hamburg – 31.03.2022 in Köln)

Foto: © klassen

Unser Beiratsmitglied des Lew-Kopelew-Forums Dr. Elisabeth Weber studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Köln, Wien und West-Berlin, promovierte 1969 und wurde in der Studentenbewegung aktiv. Von 1983 bis 2002 wurde sie als Osteuropa-Referentin bei Bundestagsabgeordneten der Grünen und Bundestagsfraktion Bündmis90/Die Grünen tätig.


Im Sommersemester 1982 unterrichtete Elisabeth Weber an der Kölner Universität Deutsch für ausländische Studenten. Damals kam die bereits seit einem Jahr im Exil lebende Philologin und Amerikanistin Raissa Orlowa, die zusammen mit ihrem Mann, dem Germanisten und Bürgerrechtler Lew Kopelew, aus der Sowjetunion ausgebürgert wurde, in den Deutschkurs von Elisabeth Weber. In einem Gedenkartikel über Raissa Orlowa schrieb Elisabeth Weber: „Rajas Aufmerksamkeit scheint mir nicht so sehr meinem Bemühen um verständlichen Deutschunterricht zu gelten, sondern meinem Versuch, den Studenten ein Stück Selbstbewusstsein und Identität zu geben, in einer Situation, wo sie auf die kärglichsten Wortfetzen einer fremden Sprache angewiesen sind.“


Seit Oktober 1982 besuchte Raja zweimal wöchentlich Elisabeth zu Hause, um Privatunterricht erteilt zu bekommen. Aus den Unterrichtsstunden wurden ausgedehnte intensive Gespräche. „Ich merkte, wie es mir Freude zu machen beginnt, Texte herauszusuchen, die Raja gefallen könnten <…>. Umgekehrt merkte ich, dass sie eine Art kleines Erziehungsprogramm für mich verfolgt: Ajtmatow, Rasputin, Iskander, Trifonow. Vergnügt stellen wir fest, dass wir uns gegenseitig erlauben, uns zu beeinflussen. <…> Ich sehe, wie Raja und Lew ein Stück erlebter Geschichte auch in unserem Land an die Oberfläche bringen, das Anfang der achtziger Jahre aus dem öffentlichen Interesse nahezu ausgeklammert war und für jemanden wie mich mit einer rein westlichen Familientradition und einer wenn auch gebrochenen linken Vergangenheit fast unbekannt und in mancher Hinsicht tabu war.“ Bald entwickelte sich zwischen Elisabeth Weber und Raissa Orlowa eine echte Freundschaft.


Seit Beginn der 1980er war Elisabeth Weber in der Friedensbewegung aktiv, die sich für einen „Ost-West-Dialog von unten“ einsetzte. Auf der Suche nach Kontakten zu der osteuropäischen Bürgerrechtsbewegung waren die Kopelews genau die richtige Adresse. Als Elisabeth 1983 von Milan Horaček, dem Bundesabgeordneten der Grünen, ein Angebot bekam, als Osteuropabeauftragte für ihn zu arbeiten, fragte sie Raja um Rat und wurde von ihr ermutigt, weil das wichtig sei. Über jene intensiven Zeiten schrieb Elisabeth Weber in ihrem Artikel „Lew Kopelew als ‚Politikberater‘“: „Mitte der 80er Jahre begann ich, teilweise privat, teilweise im Auftrag der Grünen, zu politischen Gesprächen nach Osteuropa zu fahren, nach Warschau und Prag, nach Budapest, nach Riga und Ende 1988 zum ersten Mal nach Moskau. Jedes Mal hatte ich die verschlüsselten Zettel in der Tasche, mit wem ich mich treffen sollte. <…> Und jedes Mal ergaben sich daraus Ketten weiterer Gespräche und Verabredungen. <…> das konspirative Netz derer aus der demokratischen Opposition, die einander vertrauten, funktionierte erstaunlich reibungslos. Und sobald ich von den Reisen zurückkam, war der erste Besuch der in der Neuenhöfer Allee – erzählen, erzählen, fragen, erklären, zuhören.“


Zusammen mit Lew Kopelew gehörte Elisabeth Weber Ende der 1980er zu den Mitgründern der Heinrich-Böll-Stiftung in Köln. Ab April 1990 leitete sie in Berlin ein Verbindungsbüro der Bundestagsfraktion Die Grünen zur Volkskammerfraktion Bündnis 90/Die Grünen. „Eine wunderbare und intensive Aufgabe“, - schrieb sie. Elisabeth liebte das Wort „intensiv“.


Und so wäre im Jahre 1998, ein Jahr nach dem Tod von Lew Kopelew, die Gründung des Lew-Kopelew-Forums ohne Elisabeths Mitwirken nicht denkbar gewesen. Die Aufgabe des Forums könnte man nicht besser formulieren, als es Elisabeth in dem oben erwähnten Artikel tat: „Das Vermächtnis von Raja und von Lew: Achtung der Menschenrechte, Beendigung von ungerechten und imperialen Kriegen, die Wahrheit über die Vergangenheit aussprechen und öffentlich machen – bleibt eine Verpflichtung auch in einer sich verändernden Welt.“


Viele Jahre war Elisabeth Weber im Lew-Kopelew-Forum nicht nur ein aktives Beiratsmitglied, sondern eine resolute Moderatorin unserer regulären Beirats- sowie Beirats- und Vorstandssitzungen, die penibel genau auf einen ordentlichen und basisdemokratischen Diskussionsablauf aufpasste und uns erst beim TO-Punkt „Verschiedenes“ etwas mehr Lockerheit zugestand. Politische Themen waren ihr Schwerpunkt. Treu und unermüdlich pflegte sie Kontakte zu den ehemaligen ostdeutschen Dissidenten, polnischen Solidarnosc-Freunden, der russischen Menschenrechtsgesellschaft MEMORIAL, organisierte und moderierte viele Veranstaltungen im Forum und darüber hinaus.


Lew Kopelew bezeichnete sich als Brückenbauer zwischen Russland und Deutschland. Ganz in seinem Sinne war Elisabeth Weber eine empathische, aufrichtige und tatkräftige Brückenbauerin zwischen Ost und West.


Fast zwei Jahrzehnte kämpfte Elisabeth auf eine bewundernswerte Weise gegen ihre MS-Erkrankung, der sie auf erstaunlich disziplinierte Art keinen Einflussraum gab, auf ihre vielen Reisen und Begegnungen mit Freunden nicht verzichtete und sich den wachen Geist und ihre kritische Stimme bewahrte. Diese Lebensart war möglich nicht zuletzt dank der wahrlich echten partnerschaftlichen über fünfzig Jahren währenden Beziehung mit ihrem Freund Jürgen Röhler; basierend, versteht sich, auf gegenseitiger Achtung und ohne Trauschein.


Wir trauern um eine überaus authentische, politisch engagierte, für demokratische Werte streitbare Frau, eine treue und immer hilfsbereite Freundin, eine unvergessliche Persönlichkeit, derer wir immer in Dankbarkeit gedenken werden.


Maria Klassen


Bericht von OVD-Info

Die NGO OVD-Info (Lew-Kopelew-Preisträger 2020/21) hat einen Bericht über die russischen Proteste gegen den Krieg in der Ukraine und die Reaktionen des Staates vorgelegt. Sie können die Analyse auf Englisch und auf Russisch nachlesen.

OVD-Info ist die einzige Organisation, die diese Zusammenhänge systematisch aufarbeitet und öffentlich zugänglich macht.

https://reports.ovdinfo.org/no-to-war-en#1


Informationen für Geflüchtete aus der Ukraine

Ukrainische Staatsangehörige + Familien
Sie können sich zunächst 90 Tage unbeschränkt in Deutschland aufhalten, also in der Regel bis Ende Mai 2022. In diesen 90 Tagen können Sie sich frei in Deutschland bewegen und in Ruhe überlegen, wo Sie längerfristig bleiben wollen.

Sie müssen sich nicht registrieren!
Sie müssen keinen Asylantrag stellen.


Weitere Informationen finden Sie hier: Infoblatt Deutsch



Інформація для біженців з України

Громадяни України та члени їх родин. Ви можете перебувати у Німеччині без будьяких обмежень протягом 90 днів, тобто у більшості випадків до кінця травня
2022 р. Протягом цього часу ви можете вільно пересуватися Німеччиною та вирішити, в якому саме місті ви хотіли б залишитися на більш довгий строк.

Протягом цього часу Ви не зобов’язані реєструватися!
Також не обов’язково подавати заяву для надбання статусу біженця.

Детальнішу інформацію можна знайти тут: Інформація українською мовою




Für Eure und für unsere Freiheit!
Stimmen zum Krieg in der Ukraine - live

Kundgebung zur Unterstützung der Ukraine am August-Bebel-Platz in Berlin am 6.03.2022 organisiert von Osteuropa-Experten Manfred Sapper, Karl Schlögel, Gerd Koenen und der Peter Weiß Stiftung.

Swetlana Alexijewitsch, Navid Kermani, Wolf Biermann, Martin Pollack, Katja Petrowskaja, Marieluise Beck, Timothy Garten Ash, Mario Vargas Llosa, Olga Tokarczuk, Jurij Andruchowitsch, Katarina Myschenko, Andri Lubka.

Moderation: Thomas Roth, Vorsitzender des Lew Kopelew Forums und Dr. Gesine Dornbluth.




Freiheit für die ganze Ukraine!

Mit Bestürzung und Empörung sehen wir als Lew-Kopelew-Forum den Versuch der russischen Führung unter Präsident Putin - nach der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim - nun ebenso völkerrechtswidrig mit Gewalt ein weiteres Stück aus dem unabhängigen Staat der Ukraine herauszubrechen. Es steht zu befürchten, daß Präsident Putin, der den Ukrainern ihre Identität und Staatlichkeit abspricht, noch weiter geht und mit der aufmarschierten militärischen russischen Streitmacht aus Soldaten, Panzern und Bomben noch andere Teile der Ukraine besetzen und weitere unschuldige Menschenleben opfern wird.

Die internationale Weltöffentlichkeit und der Weltsicherheitsrat müssen sich dagegen wehren. Insofern ist es gut, daß die deutschen Bundesregierung zusammen mit der EU und den USA nun erste Sanktionen gegen die russische Führung in Gang gesetzt hat. Die Unabhängigkeit und staatliche Einheit der Ukraine ist mit niemandem verhandelbar.

Die Ukraine und ihre Hauptstadt Kiew ist die Heimat des großen Humanisten, Bürgerrechtlers und Schriftstellers Lew Kopelew. Er wurde nach vielen Jahren in Gefängnis und Gulag in der Sowjetunion ausgebürgert und lebte bis zu seinem Tod 1997 als enger Freund von Heinrich Böll in Köln. Kopelew hat immer unterschieden zwischen der illegal handelnden sowjetischen Führung und den Menschen in Russland und der Ukraine und ihrer Kultur, denen er sich bis zu seinem Tode in Köln engstens verbunden fühlte. Das wollen auch wir heute so halten. Trotz der illegal handelnden Führung um Präsident Putin fühlen wir uns den Menschen in der Ukraine und Russland und ihrer Kultur eng verbunden. Ganz besonders jenen, die die Ideale Kopelews der Freiheit und Demokratie mit uns teilen.


Thomas Roth

Vorsitzender Lew-Kopelew-Forum



Zum 100. Geburtstag von Władysław Bartoszewski

Lew Kopelew und Władysław Bartoszewski während der Konferenz des Aspen Instituts in Berlin am 25-27- Oktober 1987. Aus der Sammlung der Ossolinski-Nationalbibliothek Wrocław

„Ich habe keine Angst vor den Deutschen.
Ich habe auch keine Angst vor den Russen.
Ich habe Angst vor falschen Menschen, die in vielen Ländern der Welt leben.
Ich habe Angst vor den Staaten, die nicht Rechtsstaaten sind, vor Gesellschaften, die gegen eigene politische Kriminelle nicht genug stark kämpfen können oder wollen.“

- Władysław Bartoszewski, Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges am 02. September 1999 im Plenarsaal des Landtags Rheinland-Pfalz in Mainz, in: Heft 8 der Schriftenreihe des Landtags Rheinland-Pfalz, 1999

2022 wäre Władysław Bartoszewski 100. Jahre alt geworden. Geboren wurde der polnische Historiker, Politiker und Publizist am 19. Februar 1922 in Warschau und ist in einer katholischen Beamtenfamilie großgeworden. Leider verfolgten auch ihn die Schrecken des Naziregimes: Als 18-Jähriger wurde Bartoszewski festgenommen und in das Stammlager des KZ Ausschwitz deportiert. Dort wurde er sechseinhalb Monate der Freiheit beraubt, nachdem er das Lager aufgrund einer schweren Erkrankung verlassen durfte. Diese grausame Erfahrung weckte in ihm den Mut, sich der Widerstandsbewegung gegen die deutsche Besatzung Polens anzuschließen. 1944 beteiligte er sich am Warschauer Aufstand und besuchte in dieser Zeit Vorlesungen zur Polonistik in sogenannten „Fliegenden Universitäten“ – einer Untergrundbewegung, da die Nationalsozialisten höhere Bildungseinrichtungen für Polen geschlossen haben.

Als der Krieg beendet war, studierte Bartoszewski Polonistik an der Universität in Warschau. Nun begann auch sein Kampf gegen die kommunistischen Behörden. Er schloss sich der einzig legalen Oppositionspartei „Polskie Stronnictwo Ludowe“ (dt. Bauerpartei) an. 1946 begann er für die Parteizeitung als Journalist zu schreiben, was ihm zum Verhängnis wurde: Die polnische Staatssicherheit nahm ihn ins Visier und setzte ihn für 6 Jahre in Haft. Im Jahr 1955 wurde er rehabilitiert und arbeitete daraufhin als Historiker und Publizist. In den darauffolgenden Jahren wurde er als Gastprofessor von der Ludwig-Maximilians-Universität München, der KU Eichstätt und der Universität Augsburg berufen. Bartoszewski setzte sich stets seit den 1960er Jahren für die deutsch-polnische Aussöhnung ein. In den 80er-Jahren solidarisierte er sich außerdem mit der Demokratiebewegung „Solidarność“. Wurde 1981 erneut inhaftier, konnte jedoch mit der Unterstützung von Freunden und Familie glücklicherweise schnell befreit werden.

Nach dem Mauerfall 1989 war er als Diplomat in Wien tätig. In den 90er – und frühen 2000er Jahren wurde er anschließend zwei Mal zum Außenminister ernannt. Bartoszewskis historische Werke beschäftigen sich insbesondere mit den Kriegsverbrechen in Polen und mit Polens Reaktion auf den Holocaust. Er hinterließ eine Reihe von Publikationen und Reden, die die deutsch-polnische Freundschaft immer noch prägen und stärken.

Władysław Bartoszewski ist am 24. April 2015 verstorben und wurde am 4. Mai 2015 auf dem Powązki-Militärfriedhof in Warschau beigesetzt.


Wir trauern um
Maria Leonene-Kopelew

22.08.1932 in Berlin – 23.01.2022 in Budapest

Letztes Foto vom 30.12.2021 Bild: Maria Semenova

Maria Leonene-Kopelew, Tochter eines ungarischen Mitglieds der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) Fritz Krejcsi, kam 1932 in Berlin zur Welt. Ein Jahr darauf verließ die Familie Nazi-Deutschland, reiste in die Sowjetunion aus und ließ sich in Moskau nieder. Doch das Gefühl, einer Gefahr entronnen zu sein, war trügerisch. Im Herbst 1937 wurde Fritz Krejsci verhaftet, der antisowjetischen terroristischen Aktivität beschuldigt und im Sommer 1938 hingerichtet. Marias Mutter – Ehefrau eines „Volksfeindes“ – drohte ebenso Verfolgung und Verhaftung. Um der zu entgehen, verließen Mutter und Tochter fluchtartig Moskau in Richtung Kaukasus. Aber da man sich in Stalins Reich nirgendwo sicher fühlen konnte, wollte die Mutter ihr Kind schützen, indem sie es bei Verwandten ließ und selbst fast acht Jahre lang quer durch die Sowjetunion von Ort zu Ort wanderte, um nicht aufgespürt zu werden. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam der Rest der Familie Krejsci bei Moskau wieder zusammen.

Mit diesem biografischen Gepäck absolvierte Maria, die von ihren ungarischen Verwandten Marikka und von russischen Freunden Marischa genannt wurde, die Schule, das Architekturstudium und anschließend arbeitete sie erfolgreich an vielen Bauobjekten. Das Fach „Technisches Zeichnen“ förderte zudem ihre künstlerischen Talente, neben ihrem Beruf entwickelte sie sich zu einer professionellen Grafikerin.

Marischas junge Berufsjahre fielen in die Zeit des Tauwetters: Chruschtschows Kritik am Stalin-Kult machte es möglich, dass ihr Vater Fritz Krejsci postum 1955 rehabilitiert wurde. Ein Jahr davor lernte Marischa ihren Mann, den litauischen Physiker Vladas Leonas, kennen und lieben. Der ältere Sohn Vladas Junior kam 1956 und der jüngere Alex 1968 zur Welt. So hatte Marischas Mutter, die ihre letzten Lebensjahre bis Ende der 1970er immer in unmittelbarer Nachbarschaft wohnte, noch reichlich Freude an den Enkelkindern.

Der Freundkreis von Marischa und ihrem Mann waren zumeist jene Andersdenkende, die verbotene oder nicht publizierte Autoren im Samizdat (Selbstverlag) lasen, die kritisch-lyrisch-satirische Lieder der Barden und Dichter Alexander Galitsch, Bulat Okudzhawa, Julij Kim und Wladimir Wyssozkij hörten, in berühmt-berüchtigten „Moskauer Küchen“ ketzerische Gespräche führten und sich für den Westen interessierten. Das waren dieselben Kreise, die eine Reihe mutiger Bürgerrechtler wie Andrej Sacharow und Lew Kopelew, Sergej Kowalew und Larissa Bogoras hervorbrachten und die später, in den Perestroika-Jahren, zu den Mitgründern der ersten russischen NGO MEMORIAL wurden.

Die enge Freundschaft mit Swetlana Iwanowa, der älteren Tochter von Raissa Orlowa, brachte Marischa Anfang der 1960er Jahre ins Haus Kopelew und machte sie zum unentbehrlichen Teil der großen Familie. Nach der Ausbürgerung Kopelews 1981 und dem erzwungenen Exil in Köln gehörte Marischa zu einer der treuesten Briefkorrespondentinnen, die den menschlichen Gesprächsfaden nach Moskau auf diese Weise nicht abreißen ließ. Im April 1989, während der letzten Moskau-Reise der schwerkranken Raissa Orlowa war auch Marischa unter denen, die fürsorglich an Rajas Bett wachten.

Als 1992 Marischas Mann starb, verließ sie Moskau und folgte ihrem älteren Sohn Vladas nach Australien, wo er als erfolgreicher IT-Spezialist eine neue Existenz aufbaute. Der jüngere Sohn Alex war zu der Zeit bei seinen ungarischen Verwandten in Budapest und bereitete sich auf sein Studium vor. 1994 besuchte Marischa den verwitweten Lew Kopelew in Köln, um ihm eine Weile den Alltag zu erleichtern und auch sonst dem gesundheitlich angeschlagenen, erheblich älteren Freund zur Seite zu stehen. Marischas Anwesenheit war für Lew Kopelew und für alle Mitarbeiter um ihn herum so wohltuend, dass nach einiger Zeit an einen Abschied gar nicht mehr zu denken war. Lew Kopelew heiratete Marischa und scherzte, ein Berliner Mädchen sei endlich nach Deutschland zurückgekehrt.

Nach alten Moskauer Dissidentengewohnheiten konnten die beiden zu jeder Tages- oder Abendstunde freche antisowjetische Witze reißen oder Sprüche und Reime beginnen, die sie mit viel Schalk in den Augen wortweise gegenseitig ergänzten. Ein heimisches, friedliches Bild beim Betreten der Kölner Wohnung in der Neuenhöfer Allee war: Kopelew am Schreibtisch, Marischa an der Balkontür mit der unentbehrlichen langen, dünnen Zigarette.

Als 1998 der Freundeskreis des 1997 verstorbenen Kopelew das Lew-Kopelew-Forum in Köln gründete, befand sich Marischa in dessen Mitte und gehörte viele aktive Jahre zum Beirat des Forums. In der Regel pendelte Maria Leonene-Kopelew zwischen Köln und Budapest, wo sie bei ihrem jüngeren Sohn wochen- und monatelang lebte. Das tat sie besonders gerne, weil es die Heimat ihres Vaters war und weil die Wohnung von Alex nur 150 Meter von dem Elternhaus entfernt lag. Die letzten fünf Jahre verließ Marischa Budapest nicht mehr. Übrigens, ihre letzte Zigarette hat sie noch drei Tage vor ihrem Tode genüsslich geraucht.

Die gebildete, belesene und stets bescheidene Marischa war kein Mensch großer Worte. Ihr Lebensmotto bezog sie aus dem 1. Korintherbrief 13:13: „Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“

In tiefer Dankbarkeit gedenken wir einer gütigen, mutigen und humorvollen Frau, eines grundanständigen und treuen Menschen, einer aufrichtigen Persönlichkeit, die uns sehr fehlen wird.


Maria Klassen

Zeichnung von Maria Leonene-Kopelew

Gemeinsame Erklärung zur Zwangsauflösung von Memorial

Berlin, 28. Dezember 2021 - Das Oberste Gericht der Russischen Föderation hat heute die Zwangsauflösung von Memorial International wegen angeblicher Verstöße gegen das „Agentengesetz“ angeordnet. Dies ist ein schwerer Schlag für die russische Gesellschaft, die Gesellschaften seiner Nachbarstaaten und für ganz Europa.

Memorial steht wie keine andere Organisation für ein offenes, menschenfreundliches, demokratisches Russland, das die Versöhnung innerhalb der eigenen Gesellschaft und mit seinen Nachbarn sucht. Seine von Friedensnobelpreisträger Andrej Sacharow vor drei Jahrzehnten begründete Arbeit der Auseinandersetzung mit der Repressionsgeschichte der Sowjetunion, der Rehabilitierung von Opfern und der Verteidigung der Menschenrechte heute hat Memorial weltweit viel Anerkennung und Respekt eingebracht. Auch für die deutsche Geschichtsforschung und Erinnerungspolitik hat Memorial als Initiator und Partner bei der Aufarbeitung des Schicksals Hunderttausender sog. „Ostarbeiter/innen“ die entscheidende Rolle gespielt. Die große internationale Bedeutung Memorials manifestiert sich in einer Vielzahl an Solidaritätsbekundungen aus aller Welt.

Mit dem Verbot von Memorial – dem moralischen Rückgrat der russischen Zivilgesellschaft – gibt der russische Staat ein erschütterndes Selbstzeugnis ab: Er bekämpft die Auseinandersetzung mit der eigenen Unrechtsgeschichte und möchte individuelle und kollektive Erinnerung monopolisieren. Er kriminalisiert die internationale zivilgesellschaftliche Zusammenarbeit zum Schaden des eigenen Landes. Und er verletzt die Grundwerte der Europäischen Menschenrechtskonvention, die Russland selbst unterzeichnet hat.

Viele von uns sind mit Memorial seit mehr als 30 Jahren eng verbunden. So wie wir Memorial zu unterstützen versuchen, hat Memorial uns in diesen 30 Jahren unendlich viel Unterstützung zukommen lassen – wissenschaftlich, politisch, moralisch und menschlich. Memorial ist zu einer internationalen Gemeinschaft geworden, deren Arbeit für Demokratie, Menschenrechte und ehrliche Aufarbeitung von Geschichte auf jeden Fall fortgeführt wird.

Wir verurteilen das politisch motivierte Vorgehen der russischen Justiz gegen Memorial. Das Gerichtsverfahren hat die ganze Absurdität des Gesetzes über „ausländische Agenten“ schonungslos offengelegt. Die Intention des Gesetzes ist politische Repression, seine Ausführungsbestimmungen sind so diffus, dass es vom Geschmack der jeweiligen Anklagevertretung bzw. dem von ihr jeweils gerade verfolgten Zweck abhängt, ob Einhaltung oder Verstoß festgestellt wird. Wir fordern die Aufhebung des Agentengesetzes und aller weiteren russischen Gesetze, die jede Form internationaler zivilgesellschaftlicher Zusammenarbeit mit unabhängigen russischen Partner/innen unmöglich machen sollen.

Die Bundesregierung und die Europäische Union fordern wir auf, alles in ihren Möglichkeiten Stehende zum Erhalt der Arbeit und des Archivs von Memorial und zum Schutz seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu tun.



Heinrich-Böll-Stiftung
Deutsche Gesellschaft für Osteuropakunde
Deutsches PEN-Zentrum
Deutsch-Russischer Austausch e.V.
Europäischer Austausch gGmbH
Zentrum Liberale Moderne
Memorial Deutschland e.V.
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
Amnesty International Deutschland
Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung
Lew-Kopelew-Forum



Kein Verbot der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“!

Die Menschenrechtsorganisation „Memorial“ soll in Russland offenbar verboten werden. Laut russischer Justiz wird das oberste Gericht am 25.11. über einen sogenannten „Liquidierungsantrag“ der Generalstaatsanwaltschaft entscheiden. Ein Verbot wäre ein harter Schlag gegen eine der letzten demokratischen und vom russischen Staat unabhängigen kritischen Organisationen.

Memorial, zu deren Gründer vor über 30 Jahren auch der berühmte russische Menschenrechtler Andrei Sacharow gehörte, verkörpert nach wie vor unbeirrbar das kritische historische Gedächtnis der Repression in der Sowjetunion und im heutigen Russland. Seit Jahrzehnten klärt sie auf über das System des Gulag und das Schicksal hunderttausender Häftlinge, der Ermordeten wie der Überlebenden. Zu den letzteren gehörte der später aus der Sowjetunion zwangsausgebürgerte Menschenrechtler Lew Kopelew. Memorial widersetzt sich mutig der heute auch von staatlicher Seite wieder betriebene Glorifizierung Stalins und untersucht statt dessen die von Stalin und seinem Repressionsapparat begangenen Massenmorde. Das und der konsequente Einsatz für Demokratie und Menschenrechte ist der russischen Führung ganz offenbar ein Dorn im Auge.

Von staatlichen Organen wird „Memorial“ seit Jahren angegriffen und als „ausländischer Agent“ diskreditiert. Ein entsprechendes Gesetz zwingt „Memorial“ sogar dazu, sich selbst so zu bezeichnen. Das soll dazu dienen die Organisation in den Augen der russischen Bevölkerung herabzusetzen und zu diskreditieren. Dagegen protestiert das nach dem Tod des russischen Menschenrechtlers Lew Kopelew gegründete und in Köln beheimatete Forum und erklärt sich mit „Memorial“ solidarisch. Lew Kopelew hatte seinerzeit die Gründung von Memorial nachhaltig begrüßt und wurde zum Ehrenmitglied berufen.

„Memorial“ wurde neben anderen Auszeichnungen 2002 mit dem „Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte“ und 2009 mit dem „Sacharow Preis für geistige Freiheit“ des Europäischen Parlaments bedacht.


Für das Lew Kopelew Forum

Thomas Roth, Vorsitzender des Lew Kopelew Forums und
ehemaliger Moderator der ARD Tagesthemen

Friedensnobelpreis 2021

Mit großer Freude haben wir heute zur Kenntnis genommen, dass der über so viele Jahre so mutige Dmitri Muratow, Chefredakteuer der „Novaja Gaseta“ in Moskau und als Vertreter seiner Redaktion Preisträger des "Lew Kopelew Preises für Frieden und Menschenrechte" des Jahres 2010 in diesem Jahr den Friedensnobelpreis bekommt zusammen mit einer philippinischen Journalistin. Das ehrt Dmitri Muratow, seine Arbeit und seine Zeitung. Ein Freudentag und ein wichtiges Zeichen Richtung Moskau und das Ringen um die Pressefreiheit.

Verleihung des Lew Kopelew Preises für Frieden und Menschenrechte 2010 an Dmitri Muratow, Juri Rost und das Team von Nowaja Gaseta. V.l.n.r: Alexander Wüerst, Juri Rost, Fritz Pleitgen, Dmitri Muratow und der Laudator Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert. Bild: Kreissparkasse Köln

Die Adresse des Vorsitzenden des Lew Kopelew Forums Thomas Roth und des Ehrenvorsitzenden Fritz Pleitgen an den Chefredakteur des Nowaja Gaseta Dmitri Muratow anlässlich der Verleihung des Friedensnobelpreises für 2021:

Sehr geehrter Herr Chefredakteur,
lieber Dmitri Andrejewitsch,

von ganzem Herzen gratulieren Ihnen der Vorstand des Lew Kopelew Forums und sein Ehrenvorsitzender Fritz Pleitgen in Köln für die Verleihung des Friedensnobelpreises 2021! Sie und Ihre Redaktion haben ihn in Ihrem ständigen und äusserst mutigen Kampf für die Wahrheit und die Pressefreiheit mehr als verdient. Sie und die Redaktion der „Novaja Gaseta“ haben in diesem Kampf schon fürchterliche Opfer bringen müssen. Sechs Ihrer Kolleginnen und Kollegen, darunter Anna Politkowskaja, Natalja Estimirowa und Jurij Schteschkotschichin haben dafür mit dem Leben bezahlt. Wir gedenken ihrer in diesem Augenblick.

Lew Sinowjewitsch Kopelew hat bis zu seinem Tod im Exil zu seinen Lebzeiten für all diese Werte ebenfalls gekämpft, für die Sie und die „Novaja Gaseta“ seit vielen Jahren einstehen. Es ehrt uns ganz besonders, daß wir Ihnen und der Redaktion dafür schon 2010 den „Lew Kopelew Preis für Frieden und Menschenrechte“ 2010 haben verleihen dürfen.

Wir beglückwünschen Sie und grüßen Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen der Redaktion. In Gedanken und mit unseren Herzen sind wir heute, aber auch über den Tag hinaus bei Ihnen.

Herzlichst aus Köln

Thomas Roth
Vorsitzender Lew Kopelew Forum

Fritz Pleitgen
Ehrenvorsitzender

Freiheit für Maria Kolesnikowa!

Maria Kolesnikowa und Maxim Snak. Bild: Facebook-Seite von Maria Kolesnikowa

Nach einem Prozeß, der von Anfang an mit unabhängiger Rechtssprechung und juristischer Fairneß nichts zu tun hatte, wurde die belarussische Oppositionelle Maria Kolesnikowa wegen angeblicher „Verschwörung“ in Minsk zu elf Jahren Haft verurteilt. Bereits seit einem Jahr wird sie in Belarus im Gefängnis festgehalten. Der mit ihr angeklagte Anwalt Maxim Snak erhielt zehn Jahre Haft.

„Das sind absurde Auftragsurteile des Lukaschenko Regimes, um die Opposition einzuschüchtern und brutal zu unterdrücken. Repression nicht nur auf der Strasse, sondern auch vor Gericht und in den Gefängnissen soll die eigene Macht absichern und den Menschen in Belarus den Mut nehmen, für ihre Rechte und gegen Repression und Wahlfälschung durch das Regime einzutreten. Das wird möglicherweise auf Zeit, aber gewiß nicht auf Dauer gelingen,“ unterstrich der Vorsitzende des Lew Kopelew Forums und ehemalige Moderator der ARD Tagesthemen, Thomas Roth, im Namen des in Köln beheimateten Vereins.

Maria Kolesnikowa ist gemeinsam mit den derzeit im Exil lebenden oppositionellen Frauen Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo Trägerin des in diesem Jahr in Köln verliehenen „Lew-Kopelew-Preises für Frieden und Menschenrechte“. Damit wurden sie für ihren großen Mut und ihren Kampf um Demokratie in Belarus geehrt.

Das Lew Kopelew Forum ruft die Bundesregierung, aber auch die EU dazu auf, dieses Urteil gegen Maria Kolesnikava und andere politische Gefangene in Belarus nicht hinzunehmen, sondern die bereits bestehenden Sanktionen gegen das Regime Lukaschenka auch vor diesem Hintergrund noch einmal in Richtung auf eine Verschärfung zu überprüfen.

Das Lew Kopelew Forum steht in der Tradition des sowjetischen Menschenrechtlers und ehemaligen Gulaghäftlings Lew Kopelew, der 1982 aus der Sowjetunion zwangsausgebürgert wurde und bis zu seinem Tod 1997 im Kölner Exil lebte. Von Freunden und Weggefährten, darunter auch der ehemalige WDR Intendant Fritz Pleitgen, wurde das Forum gegründet, um auch nach Kopelews Tod für die von ihm verkörperten Werte von Freiheit und Demokratie einzutreten.

7. September 2021 um 17.00 Uhr (Berliner Zeit)
Buchvorstellung und die Diskussion

Lew Kopelews Biographie erscheint zum ersten Mal auf Ukrainisch

„Lew Kopelew. Humanist und Weltbürger“

(Theiss Verlag, Stuttgart 2017)

Anfang September erscheint in der Ukraine das Buch von Reinhard Meyer „Lew Kopelew. Humanist und Weltbürger“ (Theiss Verlag, Stuttgart 2017) in ukrainischer Übersetzung.


Der Autor des Buchs – Schweizer Journalist und Schriftsteller Reinhard Meyer hat sich mit Lew Kopelew in den 1970er in Moskau während seiner Arbeit als Korrespondent für die „Neue Zürcher Zeitung“ befreundet. Später arbeitete er viel zusammen mit Kopelew in Deutschland. Die Biographie wurde ins Ukrainische von Ihor Andruschtchenko übersetzt.


Gerne möchten wir Sie auf die Buchvorstellung und die Diskussion „Die Menschenwürde and der Weg Lew Kopelews“ hinweisen, die von Charkiwer Menschenrechtsgruppe (Kharkiv Human Rights Protection Group – KHPG) am 7. September 2021 um 17.00 Uhr (Berliner Zeit) via Zoom veranstaltet wird. Die Veranstaltung findet auf Ukrainisch und Russisch statt.


Weitere Details finden Sie auf der Webseite der KHPG

Unter den Teilnehmern der Veranstaltung sind Reinhard Meyer und Mitglieder der Familie Kopelew-Orlow: die Töchter Maria Orlowa, Swetlana Iwanowa, Elena Kopelewa, der Schwiegersohn Lew Kopelews Pawel Litwinow u.a. Eingeladen sind Fritz Pleitgen, Maria Klassen, Evgenij Sacharow, Ihor Andrushtchenko, Eleonora Solowej, Andrej Portnow u.a. Moderation: Konstantin Sigow, Philosoph, Professor der Kyjiw-Mohyla Akademie und Direktor des Verlags „Duch und Litera“.

Link zur Veranstaltung:

https://us02web.zoom.us/j/89110345780
Kennwort: 891 1034 5780

10. August 2021

Doku-Hörspiel "Der heilige Doktor von Moskau"

Friedrich Josef Haass (1780-1853). Quelle: Wikimedia Commons

Der in Münstereifel geborene und in Köln ausgebildete Arzt Friedrich Josef Haass (1780-1853) spielte im Leben Lew Kopelews eine besondere Rolle. Der deutsche Mediziner machte im zaristischen Russland eine glänzende Karriere und versorgte dort unentgeltlich über 25 Jahre lang Strafgefangene mit medizinischer und seelsorgerischer Hilfe, was ihm den Beinamen „der heilige Doktor von Moskau“ einbrachte.


Seine Tätigkeit gab der Humanisierung des Strafvollzugs in Russland einen entscheidenden Anstoß. Noch heute werden an seinem Grab in Moskau Blumen niedergelegt.


Lew Kopelew sah in Friedrich Josef Haass einen großen deutsch-russischen Humanisten. Er veröffentlichte 1984 seine Biographie unter dem Titel: Der heilige Doktor Fjodor Petrowitsch, Die Geschichte des Friedrich Joseph Haass, Bad Münstereifel 1780 – Moskau 1853.


Zum 241. Jubiläum von Friedrich Joseph Haass möchten wir Ihnen gerne das Doku-Spiel Der heilige Doktor von Moskau präsentieren, das vom Kölner Schauspieler und Autor Mark Zak für Domradio vorbereitet wurde. Am 2. Dezember 2021 wird Mark Zak sein Doku-Hörspiel im Lew Kopelew Forum vorstellen und mit dem Publikum über Friedrich Josef Haass diskutieren. Weitere Details finden Sie zeitnah in unserem Programm.


Das Doku-Hörspiel Der heilige Doktor von Moskau von und mit Mark Zak finden Sie auf der Website von Domradio.

14. Juli 2021

V.l.n.r.: Tatiana Dettmer, Nadezhda Feldmann, Gennadij Feldmann und Vera Ammer
Bild: Lew Kopelew Forum

Am 14. Juli 2021 haben Vera Ammer (Beirat) und die Geschäftsführerin Tatiana Dettmer in den Räumlichkeiten des Lew Kopelew Forums in Köln die Urkunde zur Verleihung des Lew Kopelew Preises 2020 an Jurij Dmitriev seiner Kusine Nadezhda Feldmann und ihrem Ehemann Gennadij Feldmann übergeben. Jurij Dmitriev selbst befindet sich in Haft in Russland.


Der Historiker Jurij Dmitriev hat in der russischen Provinz Karelien Erschießungsstätten aus den späten 30er Jahren, der Zeit von Stalins „großem Terror“, ausfindig gemacht. In „Sandarmoch“, einem dieser Hinrichtungsorte, gelang es ihm, die Identität von etwa 7000 Erschossenen aus 56 Nationen zu klären, darunter auch Russlanddeutsche. Er ermittelte noch weitere Hinrichtungsstätten mit insgesamt rund 55000 Namen von ermordeten Repressionsopfern aus der Stalinzeit. Seine Forschungen sind einflussreichen Kreisen des russischen Staatsapparates unbequem in einer Zeit, in der Stalin und sein Wirken, in einer Art historischer Renaissance als großer Führer, in der Öffentlichkeit zunehmend verharmlost wird.


Jurij Dmitriev gehört zu „Memorial“, der international bekannten russischen NGO für Menschenrechte und historische Aufklärung. Er leitet den Memorial-Verband in Karelien. Seit über vier Jahren ist er – von einer kurzen Unterbrechung abgesehen – inhaftiert. In einem von unabhängigen Experten und Beobachtern als fingiert bezeichneten Prozess wurde er zunächst vom Vorwurf der Kinderpornografie und Pädophilie freigesprochen. In einem weiteren Prozess wurde dieser Urteilsspruch allerdings wieder aufgehoben und Dmitriev nach einer verschärften Anklage zu 13 Jahren im strengen Vollzug verurteilt. Zahlreiche Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter die Literaturnobelpreisträgerinnen Swetlana Aleksijewitsch und Herta Müller, hatten zur Unterstützung und Freilassung von Jurij Dmitriev aufgerufen.


Am 5. Mai 2021 wurde Jurij Dmitriev ein einer Zeremonie, die coronabedingt online stattfand, mit dem Lew Kopelew Preis ausgezeichnet. Die Festrede hielt der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westphalen Armin Laschet, der unter Anderem sagte: „Jurij Dmitriev, der heute mit dem Lew Kopelew Preis ausgezeichnet wird, schafft mit seiner Arbeit eine wichtige Grundlage für eine demokratische Entwicklung seines Landes. Über Jahrzehnte hinweg hat er nach Spuren des stalinistischen Terrors gesucht, sie gefunden und dokumentiert. Dabei ermittelte er die Namen von über 10000 Ermordeten. In Deutschland wissen wir aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, dunkle Kapitel der eigenen Geschichte aufzuarbeiten, um für die Zukunft Ähnliches zu verhindern. Gerade, wenn eine Gesellschaft sich die Schrecken totalitärer Herrschaft bewusst macht, leistet sie einen Beitrag auch für Rechtstaatlichkeit und Demokratie in der Gegenwart. Und in Russland gab es unterschiedliche Phasen – eine klare Distanz zum Stalinismus, eine Aufklärung, aber in diesen Tagen ist es wieder schwerer, an die Opfer des Stalinismus zu erinnern, deshalb ist die Arbeit von Jurij Dmitriev so bedeutsam, dass er unabhängig von politischen Zeitströmungen an seiner Arbeit festhält“.

14. Mai 2021

v.l.n.r: Alexander Wüerst, stellvertretender Vorsitzender des Lew Kopelew Forums und Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Köln, Armin Laschet, Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalens und Thomas Roth, Vorsitzender des Lew Kopelew Forums, während der Verleihung des Lew-Kopelew-Preises für Frieden und Menschenrechte 2020 und 2021 im Käthe Kollwitz Museum der Kreissparkasse Köln.
Bildrechte: Kreissparkasse Köln


Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2021 geht an die belarussischen Frauen Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo.


Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2020, der wegen der Pandemie erst jetzt verliehen wird, geht an die russische Medienorganisation „OVD-Info“ und zugleich an den russischen Historiker Jurij Dmitriev.


Ministerpräsident Armin Laschet unterstrich in seiner Festrede über die Preisträgerinnen und Preisträger des Lew-Kopelew-Preises ihren „Mut“ und Ihre „Entschlossenheit“ im Einsatz für Demokratie und Aufklärung.


Der Lew Kopelew Preis wurde in diesem Jahr ausnahmsweise und pandemiebedingt für zwei Jahre – die Jahre 2021 und 2020 - verliehen. Ebenfalls pandemiebedingt fand die Preisverleihung online im Käthe Kollwitz Museum der Kreissparkasse Köln statt - und wurde nicht wie gewohnt mit vielen Gästen in der Kassenhalle der Kreissparkasse in Köln am Neumarkt festlich begangen. Im Rahmen der kleinen Veranstaltung wurden die belarussischen Frauen Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo mit dem Lew-Kopelew-Preis 2021 ausgezeichnet. Die russische Medien- und Menschenrechtsorganisation „OVD-Info“ und zugleich der russische Historiker Jurij Dmitriev erhielten den Lew-Kopelew-Preis 2020.


„Alle Preisträger stehen ganz in der Tradition des 1997 in Köln verstorbenen Humanisten und Schriftstellers Lew Kopelew, der 1981 als unerwünschte Persönlichkeit von den damals sowjetischen Behörden zwangsausgebürgert wurde“, sagte Thomas Roth, der Vorsitzende des Lew Kopelew Forums bei der Begrüßung. „Der Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte, den wir alljährlich verleihen, hat sich im Laufe der Jahre ein hohes Ansehen erworben. Mir scheint, das liegt nicht zuletzt daran, dass die erwählten Preisträger in ihrer Vielfalt und zugleich auch in ihrer Unterschiedlichkeit den offenen und der Menschlichkeit gewidmeten Blick von Lew Kopelew repräsentieren.“


Mit Thomas Roth zusammen begrüßte Alexander Wüerst, stellvertretender Vorsitzender des Lew Kopelew Forums und Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Köln:


„Auch in diesem Jahr ehren wir wieder bemerkenswerte Persönlichkeiten, die mit viel Einsatz und Mut auf Missstände aufmerksam machen. Unsere Region und ebenso die Kreissparkasse Köln stehen für Weltoffenheit und Toleranz. Und das sind die Werte, für die gleichfalls Lew Kopelew einstand. Diese Werte gilt es über die Auszeichnung hinaus weiterzutragen.“


Thomas Roth stellte die Preisträger für die Jahre 2021 und 2020 vor und begründete die Auswahl der Preisträger.


Die Laudatio hielt der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalens,

Armin Laschet. Er hob hervor, dass es für die Verwirklichung von Menschenrechten und Demokratie das tatkräftige Engagement von Bürgerinnen und Bürgern brauche. „Die Trägerinnen und Träger der Lew-Kopelew-Preise 2020 und 2021 leisten in dieser Hinsicht Beeindruckendes: Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo haben mit ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut eine demokratische Bewegung ins Rollen gebracht, die ganz Belarus erfasst hat. Die Medienorganisation OVD-Info trägt in Russland in unzähligen Fällen zur Aufklärung politisch motivierter Verhaftungen bei. Auch Jurij Dmitriev schafft mit seiner Arbeit eine wichtige Grundlage für eine demokratische Entwicklung seines Landes“, sagte Armin Laschet.


„Das Wirken von Lew Kopelew kann ein Vorbild sein, wenn es um die heutigen Beziehungen von Deutschland zu Russland geht. Dieses Vorbild bedeutet für mich: Standhaftigkeit und Prinzipientreue bei der Einhaltung von Werten und Regeln und zugleich ständiges Bemühen um Dialog und ein friedliches Miteinander“, lautete sein abschließender Appell.


Die Preisträger 2021


Swetlana Tichanowskaja, Maria Kolesnikowa und Veronika Zepkalo wurden zu Gesichtern der friedlich und gewaltfrei protestierenden Bevölkerung in Belarus, indem sie sich persönlich wie politisch gemeinsam mit großem Mut für echte Demokratie und gegen die offensichtlich manipulierten Präsidentschaftswahlen in Belarus einsetzen. Die massenhaften Proteste gegen die letzten Wahlen lässt der autokratische Präsident Lukaschenko seit August 2020 mit äußerster Brutalität niederschlagen. Swetlana Tichanowskaja und Veronika Zepkalo mussten vor staatlicher Verfolgung ins Exil ausweichen. Maria Kolesnikowa, die eine Zeit lang als klassische Musikerin in Stuttgart gelehrt und gearbeitet hat, wird bis heute in einem belarussischen Gefängnis festgehalten.


Dennoch ist der Widerstand der drei Frauen, der von öffentlichen Protesten getragen wird, persönlich ungebrochen. Swetlana Tichanowskaja, die ebenfalls vom Europäischen Parlament unterstützt und ermutigt wird, kämpft als ehemalige Präsidentschaftskandidatin gemeinsam mit den anderen Frauen unerschrocken von ihrem litauischen Exil aus für Demokratie sowie freie und faire Neuwahlen in ihrer Heimat. Ihr Mann sitzt in Belarus in Haft.


„Diese drei Frauen zeichnen wir heute mit dem „Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2021“ aus. Sie haben sich bis jetzt von der Gewalt nicht einschüchtern lassen und sind damit zu Symbolfiguren der belarussischen Protestbewegung geworden“, begründete Thomas Roth die Auszeichnung.


Über Internet schaltete sich Swetlana Tichanowskaja, die derzeit im Exil in Litauen lebt, live in die Preisverleihung ein und appellierte an Europa, seine Rolle als Mediator wahrzunehmen und die Regierung in Belarus an den Verhandlungstisch zurückzuholen. Die Mitstreiterin von Swetlana Tichanowskaja, Veronika Zepkalo, widmete via vorab aufgezeichneter Videobotschaft den Preis allen Belarussen, vor allem den belarussischen Frauen, die für demokratische Rechte in Belarus kämpfen und von denen einige bis heute in belarussischen Gefängnissen festgehalten werden – so wie auch die dritte Mitstreiterin und Preisträgerin Maria Kolesnikowa. Im Namen von Maria Kolesnikowa sprach die im Exil lebende Schwester Tatjana Chomitsch die Dankesworte.


Die Preisträger 2020


OVD-Info


Nicht nur in Belarus, sondern auch in Russland gerät die Opposition seit Jahren unter immer stärkeren Druck, was man nicht nur an dem brutalen und völlig willkürlichen Umgang mit dem Oppositionellen Alexei Navalny sehen kann. Kritische Nichtregierungsorganisationen und neuerdings auch Personen werden gezwungen, sich als „ausländische Agenten“ zu bezeichnen, wenn sie Spendengelder aus dem Ausland bekommen. Eine Bezeichnung, die sie in den Augen der Bevölkerung denunzieren soll. Willkürliche Verhaftungen bei Demonstrationen und eine willfährige Justiz sollen den Menschen Angst davor machen, auf die Straße zu gehen.


Um diese Missstände öffentlich zu machen, haben vor rund zehn Jahren der russische Journalist Grigori Ochotin und der Informatiker Daniil Beilinson das Medien- und Menschenrechtsprojekt OVD-Info gegründet, das sich vor allem über Crowdfunding, also über private Spenden, finanziert und in dem besonders viele junge Leute arbeiten. OVD setzt sich für die Aufklärung von willkürlichen Verhaftungen ein und unterstützt die Betroffenen und ihre Familien mit kostenlosem rechtlichem Beistand. „Trotz staatlicher Behinderung sammelt OVD-Info zuverlässige Informationen über Protestaktionen und stellt sie zeitnah im Internet zur Verfügung. So ist OVD-Info mittlerweile zu einem russlandweiten nichtstaatlichen demokratischen Netzwerk geworden und gehört nicht zuletzt im Ausland bei der Berichterstattung zu den meistgenutzten Quellen. Für all das wollen wir sie heute mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2020 auszeichnen“, so Thomas Roth in seiner Würdigung.


Auch Grigorij Ochotin und Daniil Bejlinson bedankten sich per vorab aufgezeichneter Videobotschaft. Die Preisträger erklärten, dass sie sich als Brücke zwischen den Aktivisten und den Massenmedien verstehen und sie mit ihrer Arbeit ein Zeichen für eine entwickelte Zivilgesellschaft setzen wollen. Der Lew-Kopelew-Preis sei für sie eine große Ehre. Diese Anerkennung gelte dem gesamten Team, den tausenden freiwilligen Helfern, den zehntausenden Unterstützern und Spendern.

Jurij Dmitriev


Neben der Medien- und Menschenrechtsorganisation OVD-Info wurde für das Jahr 2020
der russische Historiker Jurij Dmitriev mit dem Lew Kopelew Preis ausgezeichnet. Lange herrschte Schweigen in der Sowjetunion und damit auch in Russland über den sogenannten „Großen Terror“ Stalins und seiner Schergen. Der „Große Terror“, soviel weiß man heute, hat alleine in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre mindestens 700.000 Menschen das Leben gekostet. Jurij Dmitriev, der zu „Memorial“, der international bekannten russischen NGO für Menschenrechte und historische Aufklärung, gehört, erforscht seit Jahrzehnten in der russischen Provinz Karelien Spuren dieses Terrors und der staatlich organisierten Massenmorde. Er fand in den Wäldern Kareliens zum Beispiel eine Erschießungsstätte bei dem Dorf Sandarmoch. Rund 9.000 Häftlinge aus vielen Nationen, darunter auch Russlanddeutsche, wurden damals unter Geheimhaltung dort erschossen. Der Historiker Dmitriev konnte sogar die Namen der Ermordeten ermitteln und stellte sie der Öffentlichkeit und damit auch den Nachkommen der Opfer zur Verfügung. Doch das ist ihm nicht gut bekommen. In einer Zeit, in der Stalin besonders von den Staatsorganen heute wieder mehr als großer Führer inszeniert wird, scheint Dmitrievs Arbeit einflussreiche Kreise zu stören. Er wurde nach einem unbegründeten Urteil zu 13 Jahren im strengen Vollzug verurteilt.


„Jurij Dmitriev wurde mit dem Lew-Kopelew-Preis 2020 geehrt, da er sich nicht mundtot machen lässt und sich unbeirrt dafür einsetzt, das Gedenken an den stalinistischen Terror aufrechtzuerhalten“, erläuterte Thomas Roth die Preisvergabe an Dmitriev.
Jurij Dmitrievs leibliche Tochter Katharina Klodt war bei ihrem Vater im Gefängnis. Er hat ihr als Reaktion und Dank für den Kopelew-Preis einige Zeilen aufgeschrieben, die sie via Video vorlas.


Ausstrahlung der Preisverleihungen 2020 und 2021


Die Vorstellung und Auszeichnung der Preisträger ist zu sehen ab dem 16. Mai 2021, 11:00 Uhr, auf der Website: www.kopelew2021.de



05. Februar 2021

Spendenaufruf für die Menschenrechtsorganisation
OVD-Info aus Russland

Liebe Mitglieder und Russland-Interessierte,

die aktuelle Lage in Russland ist sehr angespannt. Im ganzen Land gehen Menschen auf die Straße, um gegen Korruption und die unrechtmäßige Verurteilung des Oppositionellen Alexey Nawalny zu protestieren.

Seit Tagen werden russlandweit friedliche Demonstranten von der Polizei brutal misshandelt, in Gefängnissen festgehalten, mit absurden Strafen belegt.

Die NGO OVD-Info unterstützt seit Ende 2011 Personen, die in die Mühlen der russischen Justiz geraten und politisch verfolgt werden. Bei staatlichen Übergriffen, etwa bei Haussuchungen und vor allem bei öffentlichen Protesten stellt sie Hotlines zur Verfügung, damit Festgenommene mitteilen können, wo sie sich befinden und in welches Polizeirevier sie ggf. gebracht wurden. In all diesen Fällen leistet OVD-Info juristische Hilfe, besorgt Anwälte, und sorgt zeitnah für Öffentlichkeit. Dadurch ist OVD-Info inzwischen zur meist zitierten Quelle in westeuropäischen Medienberichten über Demonstrationen und Festnahmen in Russland geworden.

Wir glauben, dass es im Sinne Lew Kopelews wäre, die wertvolle Arbeit von OVD-Info zum Beispiel mit einer Spende zu unterstützen. Eine Möglichkeit, dies zu tun, gibt es hier:

https://donate.ovdinfo.org/en

Weitere Informationen zu OVD-Info:

Die Mitarbeiter von OVD-Info waren schon mehrfach bei uns im Lew Kopelew Forum, um Ihre Arbeit vorzustellen. Die Aufzeichnung unserer letzten Veranstaltung mit OVD-Info „Meinungsfreiheit in Russland in Zeiten von COVID-19“ vom 8.12.2020 finden Sie auf unserem YouTube Kanal unter diesem Link:

https://www.youtube.com/watch?v=7BPjSVpFguM



14. Oktober 2020

In memoriam Karl-Heinz Korn

Foto aus dem Privatarchiv, Grafik Andreas Korn

Liebe Freunde und Freundinnen des Lew Kopelew Forums,

gerne möchten wir Sie hiermit auf eine Webseite aufmerksam machen, die zum Gedenken an unser früh verstorbenes Vorstandsmitglied Karl-Heinz Korn (1953-2019) entstanden ist:



https://karlheinzkorn.wordpress.com/





Die Webseite wurde vor wenigen Tagen von Andreas Korn, dem Bruder von Karl-Heinz Korn, erstellt. Viele von Ihnen kannten Karl-Heinz Korn persönlich und schätzten ihn sehr. Wir laden Sie nun herzlich dazu ein, die Webseite zu besuchen, gemeinsam mit uns seiner zu gedenken und die Webseite durch bei Ihnen eventuell vorhandene Bilder und Geschichten, die Sie mit Karl-Heinz erlebt haben, zu ergänzen.


15. September 2020

Erklärung des Lew Kopelew Forums
bezüglich der jüngsten Ereignisse in Belarus
und rund um die Vergiftung von Alexei Nawalny

FREIHEIT UND SELBSTBESTIMMUNG FÜR BELARUS


Lew Kopelew Forum

Thomas Roth, Vorsitzender


Mit Bestürzung sehen wir seit Wochen, wie in Belarus von seinem autoritären Herrscher Aleksander Lukaschenkodas Recht auf freie, faire und nicht manipulierte Wahlen und das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstrationsfreiheit mit brutaler Gewalt unterdrückt wird. Bei einem Treffen unlängst im russischen Sotschi erfuhr Lukaschenko mit diesem politischen Kurs vom russischen Präsidenten Putin dabei ausdrücklich Unterstützung.


Mit Respekt und Bewunderung sehen wir aber auch seit Wochen, wie sich in Belarus tausende Menschen, unter ihnen besonders viele Frauen, mutig der Brutalität der sogenannten Sicherheitskräfte entgegenstellen und dabei körperliche Unversehrtheit, Verhaftung und Gefängnis riskieren. „Die drei mutigen Frauen in Belarus, die gewaltfrei zusammen mit vielen anderen Menschen in den Straßen von Minsk und anderen belorussischen Städten die Proteste begonnen haben, sind ganz im Sinne vonLew Kopelew Vorbilder für uns alle,“ so Fritz Pleitgen, der Ehrenvorsitzende und Mitbegründer des Kölner Lew Kopelew Forums. Der russische Intellektuelle und Schriftsteller Lew Kopelew wurde nach Jahren der Haft im GuLag aus der damaligen Sowjetunion zwangsausgebürgert und verstarb 1997 nach 16 Jahren im Kölner Exil. Er kämpfte bis zum Schluss unermüdlich für Demokratie und Menschenrechte, wie er das heuteauch bezogen auf Belarus und Russland tun würde.


Vor 30 Jahren wurde die berühmte und bis heute gültige „Charta von Paris“ am 21. November 1990 in der französischen Hauptstadt verabschiedet. Darin bekannten sich die 34 Signatarstaaten aus Ost und West zu einer auf Menschenrechten und Grundfreiheiten beruhenden Demokratie. Außerdem zu Wohlstand auf der Grundlagevon wirtschaftlicher Freiheit und sozialer Gerechtigkeit. Davon sind Russland und Belarus heute sehr weit entfernt. Ihre Präsidenten regieren immer autoritärer. Einen Platz in einem gemeinsamen Europa kann aber nur beanspruchenund einnehmen, wer die Werte der (auch von Moskau unterzeichneten) „Charta von Paris“ achtet und ihnen praktisch folgt.


Wir appellieren deshalb an die europäische politische Öffentlichkeit, die Unterdrückung der Rechte auf freie Wahlen, Meinungs- und Demonstrationsfreiheit in Belarus nicht hinzunehmen. Wir rufen die Europäische Union, das europäische Parlament und die deutsche Bundesregierung dazu auf, resolut und mit konkretenMaßnahmen für die Opposition in Belarus einzutreten. Und wir fordern, die derzeit in Belarus in Haft sitzende Oppositionelle Maria Kolesnikowa und andere dort aus politischen Gründen Gefangene sofort in die Freiheit zu entlassen.


In Berlin wird derzeit der in Sibirien mit einem chemischen Kampfstoff vergiftete russische Oppositionelle Alexej Nawalny im Krankenhaus Charité ärztlich behandelt. Es
ist offensichtlich, dass Nawalny als kritische und aufklärende Stimme zum Schweigen gebracht werden sollte. Das darf im heutigen Europa nicht hingenommen werden, denn wir leben nicht mehr im frühen, noch von Stalin geprägten 20. Jahrhundert.


Dieses Verbrechen muß deshalb insbesondere von der russischen Regierung und Präsident Putin aufgeklärt und vor Gericht gebracht werden. Nur konsequente Aufklärung kann den Verdacht der Komplizenschaft an diesem Mordanschlag beseitigen. „Europa befreit sich vom Erbe der Vergangenheit“ heisst es in der Präambel der „Charta von Paris“. Darum müssen wir, soviel sehen wir heute, in Europa auch im Sinne Lew Kopelews nach wie vor ringen.

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