„Toleranz, Moral, Menschlichkeit –

die Ideale und Träume  der deutschen und russischen

Aufklärer sind keine wirklichkeitsfremden Utopien.


Sie sind Wegweiser für unsere Gegenwart und Zukunft."


Lew Kopelew



Jetzt ist der Moment:

Der Ukraine helfen, diesen Kriegswinter zu überstehen!

Die Niedertracht kennt immer noch Steigerungen. Nachdem Putins Plan, die Ukraine militärisch zu zerschlagen und als eigenständige Nation auszulöschen, am entschlossenen, von der ganzen ukrainischen Gesellschaft getragenen Widerstand gescheitert ist, soll nun das Land durch die Zerstörung seiner lebenswichtigen Versorgungsstrukturen – insbesondere des Energiesystems - in die Knie gezwungen werden. Die in Tschetschenien und Syrien erprobten Methoden eines Vernichtungskriegs gegen die Zivilbevölkerung, exemplarisch an Grosny und Aleppo exekutiert, werden jetzt auf die freie Ukraine im Ganzen angewandt. Die Bombardierung der Wohnquartiere, die gezielte Zerstörung der Lebensbedingungen von Millionen Menschen, die Ermordung von Zivilisten, die Vergewaltigungen und Deportationen verstoßen bereits heute gegen die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen.

Nun steht der Winter bevor. Schon jetzt kann man sehen, was es bedeutet, wenn Heizung, Licht und Elektrogeräte ausfallen, es kein Trinkwasser mehr gibt, Fenster nicht ersetzt werden können, wenn Städte im Dunkel versinken, Schulen und Kindergärten schließen müssen, Krankenhäuser ihre Patienten nicht mehr behandeln können und Betriebe ihre Arbeit einstellen müssen. Seit Beginn des neuerlichen russischen Angriffs mussten bereits mehr als 14 Millionen Menschen ihr Zuhause verlassen, weitere Millionen sollen zur Flucht gezwungen werden.

Gelänge es Putin, die Ukraine in den Zusammenbruch zu treiben, gerieten auch die europäische Sicherheitsordnung, die Europäische Union und das transatlantische Bündnis ins Wanken. Dann ist kein Land im ehemaligen Machtbereich der Sowjetunion mehr sicher, die antidemokratischen Kräfte bekommen Auftrieb und das Völkerrecht liegt in Trümmern.

Aus diesem Grunde ist die Unterstützung der zivilen und militärischen Widerstandskraft der Ukraine nicht nur eine moralische Pflicht. Sie liegt vielmehr in unserem ureigenen Interesse.

Wie können wir dazu beitragen, damit die Ukraine diesen Winter durchstehen kann?


- Jede/r einzelne kann für die Ukraine spenden.
- Humanitäre Hilfsorganisationen können ihr Engagement für die Ukraine verstärken.
- Städte können bilaterale Unterstützung für ukrainische Partnerstädte leisten.
- Betriebe können lebenswichtig benötigtes technisches Gerät, Generatoren, Fahrzeuge, Baumaterial und Kraftstoffe bereitstellen.
- Bundesregierung und EU müssen ihre finanzielle und militärische Hilfe aufstocken: Die Ukraine braucht dringend Nothilfe, und sie braucht nicht minder dringend moderne Waffen, um ihre Städte zu schützen und die Invasionstruppen zurückzudrängen.

Am 10.Dezember ist der Internationale Tag der Menschenrechte, begründet von den Vereinten Nationen im Jahre 1948. In diesen Tagen denken wir ganz besonders an die um ihre Würde und ihre Freiheit kämpfenden Menschen in der Ukraine und ebenso im Iran. Wir wollen an diesem Tag an die Welle der Solidarität anknüpfen, die nach Beginn der russischen Invasion durch unser Land ging. Kommunen, Medien, Stiftungen, karitative Organisationen, Unternehmen, Kulturinstitute und Hunderttausende Bürger haben reagiert auf das, was seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs undenkbar erschien. Diesen Geist der Solidarität gilt es, ungeachtet aller Härten bei uns, jetzt wiederzubeleben. Nichts wäre für die Ukraine gefährlicher als eine schleichende Ermüdung der westlichen Öffentlichkeit und Politik.

 
Putins Katastrophenstrategie darf nicht aufgehen! Die von der ukrainischen Friedensnobelpreisträgerin Olexandra Matwijtschuk zitierte Parole „Für unsere und für eure Freiheit!“ gilt auch umgekehrt: „FÜR EURE UND FÜR UNSERE FREIHEIT!“

SPENDEN gehen am besten an eine der schon existierenden Initiativen oder auf den von Präsident Wolodymyr Selensky eingerichteten nationalen Spendenfonds UNITED24
���� https://u24.gov.ua/

Di., 29.11.22, 19.00 Uhr
Nur Online

OSTWEST-MONITORING -
Armenien und Georgien

In den letzten Wochen hat sich das LKF auf neues Terrain vorgewagt: Wir haben das Projekt OSTWEST MONITORING (OWM) ins Leben gerufen. 

Auf der Projektseite können Sie sich mit OWM und den bereits publizierten Beiträgen vertraut machen.

https://ostwest.space/ 

Hierbei handelt es sich um eine Expertenplattform, die in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt, der Civil Society Cooperation und dem Team der Kulturplattform COLTA entwickelt wurde.

Das OSTWEST MONITORING ist ein besonderes Projekt, auf dem Redakteure aus Armenien, Belarus, Georgien und Moldova über die aktuellen kulturellen und politischen Entwicklungen in den jeweiligen Ländern berichten.

Warum ist das außergewöhnlich? Es besteht die Tendenz in der Berichterstattung über viele Länder erst im Kontext bewaffneter Konflikte und Kriege zu berichten. Herrscht Frieden, so wird dem "Postsowjetischem Raum“ kaum Beachtung geschenkt. Allein der Begriff „postsowjetisch“ ist sehr problematisch, da er Einheit und Zugehörigkeit suggeriert und den Abglanz des sowjetischen Imperialismus in sich trägt.

Das Projekt hat das Ziel die nicht mehr zeitgemäße Denkweise von Zentrum und Peripherie aufzubrechen und unsere nahen und fernen Nachbarn ganz im Sinne Lew Kopelews besser kennen- und verstehen zu lernen.
 
Welche zentralen politischen und kulturellen Diskurse bewegen Armenien und Georgien? Begreifen sich diese Länder als postsowjetischer Raum? Was wissen die Länder übereinander?

Diese Fragen und vieles mehr diskutieren die beiden Chefredakteure Tigran Amiryan (Armenien) und Zaal Andronikashvili (Georgien).

Das Gespräch wird von Volker Weichsel (Osteuropa) moderiert.

 
Dr. Volker Weichsel ist Slawist und Politikwissenschaftler, Redakteur der Zeitschrift OSTEUROPA und Übersetzer u.a. aus dem Russischen. Demnächst erscheint im Suhrkampverlag „Artur Klinau: Acht Tage Revolution. Ein Journal aus Minsk. Berlin 2020.“ 
 
Dr. Tigran Amiryan ist Gründer und Vorsitzender des Projekts „Laboratorium für kulturelle und soziale Narrative“. Er ist Professor für zeitgenössische Weltliteratur und Semiotik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt u.a. die zeitgenössische Kultur, die individuelle und kollektive Erinnerungskultur, ihre Literarisierung sowie soziale und konkrete Räume, die Träger der Erinnerungskultur sind.

Dr. Zaal Andronikashvili ist Literaturwissenschaftler. Am Leibniz-Zentrum für Kultur- und Literaturforschung leitet er den Programmbereich Weltliteratur und das Projekt Literatur in Georgien „Zwischen kleiner Literatur und Weltliteratur“. Zudem ist er Professor an der Staatlichen Ilia-Universität in Tbilisi. In der georgischen und deutschen Presse publiziert er regelmäßig zu Themen der Kultur und Politik im postsowjetischen Raum.

Die Veranstaltung wird von Irina Bondas konsekutiv übersetzt.

Um an der Veranstaltung teilzunehmen, melden Sie sich bitte unter dem folgenden Link an:
https://us06web.zoom.us/meeting/register/tZIscu-grD4qGtKct_XpwAaxGVQrkDiEz_R6
Nach der Registrierung erhalten Sie eine Bestätigungs-E-Mail mit Informationen über die Teilnahme.

Die Veranstaltung wird live auf unserem YouTube-Kanal übertragen



8.12 um 19.00 Uhr

Bernt Hahn liest „Die Dämonen“
von Fjodor Dostojewskij

Der Krieg in der Ukraine traf die ukrainischen Kulturschaffenden besonders schwer. Theater, Museen und Bibliotheken wurden in Luftschutzbunker umfunktioniert. Tausende ukrainischen Schriftsteller, Musiker, Regisseure und Schauspieler haben ihre Einkommensquellen verloren und machen sich Gedanken, wie sie ihre Familien nun durchbringen. Sie sind auf fremde Hilfe angewiesen.

Ab sofort bieten wir unsere Dostojewski-Lesungen kostenfrei an. Statt Eintrittsgelder bitten wir Sie um eine Spende zugunsten ukrainischer Künstler. Die Spenden werden privat gesammelt und direkt an die ukrainischen Künstler in Not überwiesen. Bitte sprechen Sie unsere Geschäftsführerin Tatiana Dettmer an der Abendkasse für weitere Details an.

Wir bedanken uns ganz herzlich beim Bernt Hahn, der sein Honorar für Dostojewski-Lesungen ebenfalls den ukrainischen Künstlern in Not spendet.


In Zusammenarbeit mit M. Lengfeld‘sche Buchhandlung, Köln

Beschrieben wird eine Generation, die auf der Schwelle zu Industrialisierung und Moderne ihre Wertebindung verloren hat und entwurzelt nach neuen Orientierungen sucht. Religion, hergebrachte Sitten und Moral bieten keine stabilen Antworten. Taumelnd und in teils hektischer Aggressivität suchen die Protagonisten Halt bei fragwürdigen Konzepten und Ideologien, deren Einfluss bis in unsere Tage reicht. Der Roman ist als Warnung unter dem Eindruck mörderischer Umtriebe anarchistischer Zirkel geschrieben, aus deren Dunstkreis der berüchtigte „Katechismus des Revolutionärs“ stammt, der seinerseits Inspiration für die Aktivitäten der RAF gewesen ist. Nicht zuletzt wird dieser Tage in den Vereinigten Staaten von Amerika im Hinblick auf die Vorkommnisse um den vergangenen Präsidentschaftswahlkampf und die Besetzung des Kapitols explizit auf Dostojewskijs „Die Dämonen“ Bezug genommen.

Zu den grenzenlosen Bewunderern Dostojewskijs gehören u.a. Friedrich Nietzsche, für den er der „tiefste Psychologe der Weltliteratur“ ist, Thomas Mann, der dem Buch unerhörte Neuheit und Kühnheit attestiert, und Albert Camus, der die „Dämonen“ zu einem prophetischen Text erklärt, er gehöre zu den vier oder fünf Werken, die er über alles stelle. Camus hat den Roman 1959, in Reaktion auf stalinistisch orientierte Strömungen der Linken in Frankreich, unter dem Titel „Die Besessenen“ für die Bühne adaptiert.

Fjodor Michajlowitch Dostojewskij wird am 11. November 1821 als Sohn eines Arztes in Moskau geboren. 1837 geht er nach St. Petersburg und absolviert eine Ingenieurschule. Nach ersten Veröffentlichungen wird er 1849 wegen Verlesung eines angeblich staatsfeindlichen Briefes zum Tode verurteilt. Die darauf erfolgte Scheinhinrichtung wird zur lebensbestimmenden Erschütterung. Zu vier Jahren Zwangsarbeit und vier Jahren Militärdienst in Sibirien “begnadigt“, darf er 1859 nach St. Petersburg zurückkehren. 1873 entstehen „Die Dämonen“. Darauf folgen u.A. Der Jüngling (1875) und Die Brüder Karamazov (1881), ein Riesenwerk, geschaffen nicht nur „unter der Geißel“ seiner Krankheit (Epilepsie) sondern auch unter den Stockschlägen von erniedrigenden Finanznöten, die ihn zwangen, mit unnatürlicher Schnelligkeit zu arbeiten“ (Thomas Mann). Fjodor Dostojewskij stirbt am 09. Februar 1881 und wird drei Tage später unter der Anteilnahme von mehreren zehntausend Menschen auf dem Tichwiner Friedhof des Alexander-Newski-Klosters in St. Petersburg beigesetzt.

Bernt Hahn ist freiberuflicher Schauspieler und Sprecher. Neben seinen zahlreichen Hörbüchern mit Texten von u.a. Alexander Puschkin, Joseph Roth, M. Gandhi und Bruno Schulz hat er „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ von Marcel Proust und „Jahrestage“ von Uwe Johnson in öffentlichen Lesungen vollständig vorgetragen.

Das Buch © Fjodor M. Dostojewskij "Böse Geister " (Übersetzung: Swetlana Geier).

Leserechte mit freundlicher Genehmigung der S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main.

Eintritt frei. Um eine Spende zugunsten Kulturschaffenden in der Ukraine wird gebeten.

Um an der Veranstaltung online teilzunehmen, melden Sie sich bitte unter dem folgenden Link an (einmalige Anmeldung für alle Lesungen):
https://us06web.zoom.us/meeting/register/tZItf-qvqjkjGdZNh_QZUVq3X3ENjkijKRXW

Nach der Registrierung erhalten Sie eine Bestätigungs-E-Mail mit Informationen über die Teilnahme am Meeting.

Die Veranstaltung wird live auf unserem YouTube-Kanal übertragen



Lew Kopelew und Fritz Pleitgen 1992 in Polen. Bild: Maria Klassen

„Dahin wollte keiner…!“

Fritz Pleitgen, Lew Kopelew und ein völlig unmöglicher Abschied.

Von Thomas Roth.

Auch nach vielen Jahrzehnten ihrer glücklichen Ehe bekam Fritz Pleitgen immer noch ein Funkeln in die Augen und lächelte verschmitzt, wenn er erzählte wie er damals, als alles anfing, seiner reizenden jungen Frau die glückliche Zukunft ausmalte. Es wartete die große weite Welt auf sie, das war sicher. Die Welt wartete auf den engagierten und kommenden Auslandskorrespondenten mit Frau in, sagen wir, Paris oder London oder anderswo, wo es schön ist. „Dass du die Frau eines Auslandskorrespondenten wirst, davon kannst du ausgehen!“, versicherte er seiner Frau lächelnd. Dann folgt eine Pause. Sozusagen der „Cliffhanger“ in seiner Erzählung. „Ich mußte ihr dann sagen, dass es nicht Paris wird, auch nicht London, sondern Moskau!“ Wieder eine Pause während er in die Kamera schaute, der er das alles für eine Dokumentation erzählte. „Das Dumme war, „dahin wollte damals keiner…das galt als finsteres Loch“ und als „aggressiv!“ Dahin ging es also. Von wegen Paris oder London. Wir schreiben das Jahr 1972. Es ist die hohe Zeit des Kalten Krieges. Der kommunistische Staat samt Atomraketen und KGB drohte in der westlichen Wahrnehmung äußerst düster aus dem Osten herüber und hatte alles im Griff. Hatte er das ?

Dort drüben im Osten, in Moskau, lebte ein anderer Mann, der nicht aus Moskau, sondern aus dem ukrainischen Kiew stammte und dort sogar bestens Deutsch gelernt hatte, was sein späteres Leben entscheidend prägen sollte: Lew Sinowjewitsch Kopelew. Begeisterter Kommunist in den jüngeren Jahren, gebildet, Literat und eventuell kommender Schriftsteller. Aber zunächst vor allem Verteidiger der Sowjetunion gegen den mörderischen Überfall der Wehrmacht und des deutschen Faschismus. Als Teil der Roten Armee und als ihr Offizier bewegte er sich nach mehreren Schlachten, unter anderem der zur Verteidigung Moskaus, schließlich im Januar 1945 Richtung Westen auf dem Weg nach Königsberg und Berlin. Doch in Berlin kam er nicht an. Seine Menschlichkeit wurde ihm vorher zum Verhängnis. Er setzte sich für die Schonung der deutschen Zivilbevölkerung in Ostpreußen ein, wurde verhaftet und schließlich wegen „bürgerlichem Humanismus“ und „Mitleid mit dem Feind“ von einem sowjetischen Militärgericht zu zehn Jahren Haft verurteilt. Gulag also.

Erst ein Jahr nach Stalins Tod kam er 1954 frei. Später wurde er zwar rehabilitiert, aber geriet trotzdem in die sich wieder verhärtende sowjetische Repressionsmaschine wegen seiner Sympathie für oppositionelle Bewegungen im Ostblock und für Männer wie Sacharow und andere kritische Intellektuelle. Er war Teil der kleinen „Dissidentenszene“ in Moskau, ein Ausdruck, den Kopelew allerdings nicht mochte. Er sah sich auch später immer (zurecht) als Bürgerrechtler.

Inzwischen war der kleine Taunus 17 m in Moskau angekommen, mit dem Fritz Pleitgen immerhin von Köln nach Moskau gefahren war. Eigentlich ein klassisches „no-go“, oder besser ein „no-drive“. Das machte damals niemand, der bei Verstand war. Jedenfalls niemand aus dem äussersten Westen Deutschlands. Aber einer eben doch - eben weil er bei Verstand war. Beim Pleitgenschen Verstand. Und so begann diese lange Reise von Fritz Pleitgen Richtung Osten, die ihn für den Rest seines Lebens nie wieder los ließ - egal auf welchem Kontinent er gerade lebte. Oder in welcher Führungsetage des WDR er sich aufhielt. Auch in der ganz oben. Bis zur Entdeckung seiner Krankheit reiste er immer wieder nach Moskau. Über viele Jahre hinweg. Und dort in Moskau hatten sie sich ja dann auch getroffen. Der ehemalige Gulaghäftling Kopelew und der neue Korrespondent Pleitgen.

„Lew Kopelew“, so schilderte es Pleitgen, „der Germanist und Humanist aus Kiew war in Breschnjews Sowjetunion eine exotische Erscheinung. Er galt als wandelnde Enzyklopädie. Sein Wissen über russische und westliche Literatur war phänomenal. Wer sich als westlicher Diplomat oder Korrespondent über die Kulturen und die Geschichte der Sowjetvölker informieren wollte, wandte sich an ihn. Er war damals für uns wie Google heute. Nur besser, weil es stimmte, was er uns mitteilte.“

So begann die Freundschaft zwischen den beiden Männern in den frühen 70er Jahren des letzten Jahrhunderts im damals noch viel graueren Moskau. Sie war nicht ohne Kontroversen, kein Wunder bei den ausgeprägten Charakteren, aber sie war voller Zuneigung füreinander und überdauerte alle Veränderungen und politischen Stürme. Erst der Tod beendete sie. Oder begründete sie neu. Dazu kommen wir gleich.

Da hatten sich also zwei gefunden. Beide waren sie, jeder für sich und dann auch zusammen, eine sehr besondere Mischung aus geradliniger Entschlossenheit, Eigensinn, Temperament und einer tiefen Humanität. Paradoxerweise führte die durchaus hinterhältige Zwangsausbürgerung Kopelews und seiner Frau Raissa durch die Sowjetbehörden Anfang 1981 die beiden Männer nun noch beständiger in Köln zusammen, da Pleitgen ausgangs der 80er Jahre aus den USA zum WDR nach Köln zurückkehrte. Und ein nicht unbedeutender Dritter war auch schon da, der lange vor beiden in Köln lebte und sich unter Widrigkeiten mit Kopelew befreundete als der noch im sowjetischen Moskau wohnte: Heinrich Böll mit seiner Frau Annemarie.

Allesamt mischten sie sich nun getrennt und zusammen ein in das Leben dieser noch etwas verklemmten und irgendwie vernagelten Bundesrepublik Deutschland auf dem Weg in die Moderne. Sie hatten großen Respekt und Achtung voreinander. Bange war keinem von ihnen. Eine Eigenschaft, die Fritz Pleitgen auf dem Weg vom Korrespondenten zum Medienmanager und Intendant des WDR sehr großen Respekt eintrug - besonders bei denen, die das aus der Nähe betrachten durften. Pleitgen war angstfrei und tat was er für richtig hielt. Ich erinnere noch einen Satz von ihm, als es ein durchaus schwieriges Problem zu bewältigen galt :“Dann fahren wir eben Steilwand!“ Er und sein Team fuhren dann Steilwand. Es klappte. Neue Programme entstanden. Scheinbar Unmögliches gelang. Manches ging schief. Ein neuer Fernsehkanal entstand wie Phoenix aus der Asche. Deshalb hieß und heißt er auch „Phoenix“ und sendet bis heute.

Die geneigten Leserinnen und Leser dieser Erinnerungen und dieses „völlig unmöglichen Abschieds“ bemerken sicherlich an dieser Stelle, daß diese Erinnerungen die Tendenz haben, sich in eines oder mehrere Bücher umzuformen. Davon haben Pleitgen wie Kopelew viele vollgeschrieben. Aber das wollen wir hier nicht tun. Ein paar weitere Erinnerungen sind allerdings noch nötig.

War diesem Fritz Pleitgen etwas von dem, was in seinem späteren Leben an beruflichen Überraschungen und beeindruckenden Auszeichnungen dann kam, in die Wiege gelegt? Nein, nichts davon. Er war ein 1938 in Duisburg geborenes Kind des Ruhrgebiets mit fünf Geschwistern. Hunger und Armut kannte er. Und den Krieg. Die Nazis und ihre begeisterten braunen Unterstützer in Millionenzahl hatten das Höllenfeuer entzündet und über Europa gebracht. Pleitgen schildert das so: „Der Krieg begann in Essen sehr früh, weil Essen als Waffenschmiede Ziel von Bombenangriffen der alliierten Streitkräfte war. Und ich kann mich daran erinnern, dass meine erste Wahrnehmung als Kleinkind in diesem Leben Sirenengeheul waren und Flammen.“ Die Hungerwinter, die Evakuierung nach Schlesien und wieder zurück. Als bitterarmes Flüchtlingskind. Die durch die Wirren zeitweise getrennte Familie fand sich wieder zusammen. Als das Höllenfeuer langsam ausbrannte war das Ruhrpottkind Fritz sieben Jahre alt. Jetzt schon mit Erfahrungen ausgestattet, die für ein ganzes Leben gereicht hätten, um wieder auszuheilen.

Aus all den Hindernissen und Widrigkeiten des Anfangs machte er viel. Und vieles davon hat ihn selbst überrascht. Karrierestufen hat er nicht geplant. Wer ihn beobachten durfte weiß das. Und so hat er es auch selbst geschildert. Karrierestufen sind ihm eher „passiert“. So wurde er zu seiner Überraschung 1977 von Moskau nach Ostberlin versetzt, obwohl er die DDR nicht mochte. Umgekehrt war das genauso. Die Stasi kümmerte sich um ihn. Sie verdrahtete kräftig Wohnung und Büro. Und umgab ihn mit sogenannten „IMs“. Das konnte er später nachlesen.

Aus den USA bat ihn sein Sender zurück, denn der brauchte einen Chefredakteur. Später, auch das eine Überraschung für ihn, die sein Intendant Friedrich Nowottny ihm ausgerechnet bei einem gemeinsamen Besuch in Moskau eröffnete, brauchte der Sender einen Hörfunkdirektor und schließlich dann einen Intendanten. Fritz Pleitgen war da und gab zurück für das, was er bekommen hatte. So sah er das. Und aus meiner Sicht prägte genau diese Haltung die tiefe Freundschaft zwischen ihm und Lew Kopelew. Sie beanspruchten sich gegenseitig, aber sie gaben sich auch enorm viel.

Fritz Pleitgen lernte vor vielen Jahren in Moskau zum Beispiel durch Kopelew einen ihm bis dahin völlig unbekannten Arzt kennen, der bedauerlicherweise allerdings schon über 150 Jahre tot war. Pleitgen schildert das so: „Schon bei unserer ersten Begegnung fragte er mich, was ich von Friedrich Josef-Haass wußte. Zu seinem nicht geringen Entsetzen musste ich ihm gestehen, dass ich von dem Friedrich Joseph-Haass noch nichts gehört hatte….Das muss anders werden, knurrte Kopelew und erzählte mit Hingabe von den menschenfreundlichen Taten des „Heiligen Doktors von Moskau“, der Epidemien gestoppt habe und sich bis zur Selbstaufopferung um die Ärmsten der Armen, insbesondere um die Sträflinge gekümmert hätte….“

Pleitgen interviewte Kopelew auf dem entsprechenden Moskauer Friedhof am Grab des „Doktors“. Der daraus entstandene Fernsehbericht trug sehr entscheidend dazu bei, dass der Name des Doktors, der im vorletzten Jahrhundert von Bad Münstereifel nach St Petersburg und schließlich nach Moskau gereist war und ab dann in Russland lebte, in Deutschland überhaupt erst (wieder) bekannt wurde. Vom „Deutsch-Russischen Forum“ wurde schließlich der „Friedrich Joseph-Haass Preis“ gestiftet, den Fritz Pleitgen 2017 in Berlin verliehen bekam. Gewissermaßen als einen weiteren fernen Gruß des 1997 in Köln verstorbenen und nun neben seiner Frau Raissa auf einem Moskauer Friedhof in seiner Urne ruhenden Lew Kopelew. Es scheint aber, als hielte er dort einfach nicht still.

Das kann er auch gar nicht. Denn Fritz Pleitgen gründete zusammen mit anderen Freunden und Weggefährten Kopelews nach dessen Tod das „Lew-Kopelew-Forum“ in Köln, um das Andenken und die demokratischen und humanistischen Ideale Kopelews, die auch seine eigenen waren, zu ehren und für die Zukunft zu wahren. Im Tod also erhielt die Freundschaft eine neue Grundlage. Und genau deshalb können Sie zum Beispiel diese Erinnerungen hier an dieser Stelle in genau diesem Augenblick auf genau dieser Website des Lew Kopelew Forums lesen.

Fritz Pleitgen war lange Vorsitzender unseres gemeinnützigen Vereins und seit knapp fünf Jahren Ehrenvorsitzender. Auch während seiner Krebserkrankung, die er selbst öffentlich machte, kümmerte er sich und war neugierig, was wir denn im Forum alles so treiben. Das war zum letzten Mal so wenige Wochen vor seinem Tod als ich ihn zuhause besuchte. Stillstand war Pleitgens Sache nicht. Die Sache von Kopelew ebenso wenig. Also ist es auch nicht unsere.

Es bedeutete vielleicht sogar so etwas wie eine persönliche Tragik, dass Fritz Pleitgen die Entfesselung des ungeheuerlichen russischen Angriffskrieges auf die Ukraine durch den vom Autokraten zum Diktator bis zur Kenntlichkeit gewandelten Putin und seine Unterstützer noch miterleben mußte. Pleitgens Anliegen war immer die Aussöhnung besonders mit Russland und den Staaten der Sowjetunion, in denen die deutsche Kriegsmaschine, die Einsatzgruppen und die SS so furchtbar gewütet hatten. Nun mußte er an seinem Lebensende noch mit ansehen, wie ein ehemaliger KGB Agent all das vermutlich auf Jahrzehnte hinaus brutal, blutig und skrupellos zerschlug und tausende Menschen deshalb starben. Und sterben werden sehr wahrscheinlich noch viel mehr. Aber Pleitgen scheute sich nicht, das in seinen letzten Radio- und Fernsehinterviews auch klar und direkt auszudrücken: „Putin ist ein Kriegsverbrecher!“

Nun nur noch eine tatsächlich abschließende Bemerkung bei diesem in Wahrheit „völlig unmöglichen Abschied“:

Wie bereits erwähnt überwachten die charakterlosen und hinterhältigen Hohlköpfe von der Firma „Horch und Greif“, also der Stasi, Pleitgen natürlich während seiner Zeit als Korrespondent in der DDR. Und sie gaben ihm damals einen Namen, den er später vorfand - prangend auf seiner Stasiakte. Sie nannten ihn „Tiger“. Ach, wenn diese Hohlköpfe auch nur im Ansatz gewußt hätten wie recht sie hatten!

Nun hat sich der Tiger schlafen gelegt.

Welch eine Trauer.

Der Nachruf für Fritz Pleitgen von der Vorständin des Lew Kopelew Forums Maria Klassen auf der Seite der Forschungsstelle Osteuropa in Bremen

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