Anna Achmatowa

FSO 01-3 © A. Firsow


Anna Andrejewna Achmatowa, geb. Gorenko (23. Juni 1889 bei Odessa – 5. März 1966 in Moskau), war die bedeutendste russische Dichterin des 20. Jahrhunderts. In den 1920er Jahren, in dem sog. Silbernen Zeitalter, gehörte sie neben ihrem Ehemann, dem Lyriker Nikolaj Gumiljow, zu den richtungsweisenden Literaten, die ihre Generation und andere darüber hinaus geprägt haben.


Bereits in frühen postrevolutionären Jahren wurde ihr Mann als politisch Oppositioneller von den Bolschewiken hingerichtet und später ihr Sohn verhaftet und zu mehreren Jahren Gulag verurteilt. Stalins Terrorherrschaft hat Achmatowas gesamtes späteres Schaffen geprägt; als Ehefrau und Mutter von Volksfeinden hatte sie fast zwei Jahrzehnte offiziell Schreibverbot.


Nach Stalins Tod, in den Zeiten des sog. „Tauwetters“, konnte sie wieder veröffentlichen, jedoch unter strenger Zensur. Ihr wichtigstes Werk „Requiem“ – Gedenken an Opfer der Diktatur –  trug sie nur ihren engsten vertrauten Menschen vor, mit der Bitte, es nicht aufzuschreiben; (erst in der Perestroika-Zeit wurde es in Russland veröffentlicht).


Wie viele andere nicht regimekonforme Literaten nahm Achmatowa Übersetzungsaufträge an und schenkte den russischen Lesern eine Vielzahl meisterhaft übertragener ausländischer Dichtung.


Lew Kopelew über Anna Achmatowa

Zum ersten Mal traf ich Anna Andrejewna Achmatowa im Mai 1962. Nadeshda Jakowlewna Mandelstam, Witwe des Dichters Ossip Mandelstam, brachte mich zu ihr. Ein schmutziges Treppenhaus. Ein winziges Zimmer in der Wohnung ihrer Freunde. Achmatowa in einem lilafarbenen Morgenrock. Majestätisch ( … ). Sie bewegte sich langsam, blickte ruhig und sprach langsam. Aber es war absurd, sie eine alte Frau zu nennen. Bei ihr zu Gast war die Schauspielerin Faina Ranewskaja. ( … ) Anna Andrejewna und die Ranewskaja saßen auf dem Sofa, Nadeshda Jakowlewna und ich ihnen dicht gegenüber auf Stühlen. Kein anderer hätte mehr Platz gehabt. Ich war vor Verlegenheit wie gelähmt. Was sollte ich sagen? ( … ) Die Ranewskaja ging bald. Und Achmatowa fragte plötzlich, gelassen, wie nebenbei: „Möchten Sie, dass ich Ihnen Gedichte vortrage? Aber bitte, schreiben Sie nichts mit.“ Sie rezitierte aus dem Requiem. Ich sah sie an, unverwandt, alle Befangenheit war verschwunden. Die Überraschung und Begeisterung waren mir wohl deutlich anzusehen. Sie merkte es natürlich, war es gewöhnt. Aber jeder neue Zuhörer war ihr wichtig. Sie sprach mit einer gleichmäßigen, seltsamen, ja tragisch ruhigen Stimme. Bald ging auch Nadeshda Jakowlewna. Aber Anna Andrejewna trug mir immer neue Gedichte vor. ( … ) Meine Augen waren feucht. Sie hat sicher auch das gemerkt. Mit gepresster Stimme bat ich: „Sprechen Sie das bitte noch einmal.“ In jenen Minuten dachte ich nur: Behalten, so viel wie möglich im Gedächtnis behalten. ( … ) Ich sah und hörte eine Kaiserin der Poesie– eine rechtmäßige Monarchin –, sie war eben deshalb so ungekünstelt einfach, weil sie keine Selbstbestätigung brauchte. ( … ) Sie lächelte nicht einmal. Und ich begriff, dass für sie, die Dichterin und Frau, kein Lob und keine Verehrung zuviel sein konnten. Jahrzehntelang hatte man ihr die Anerkennung grausam versagt, hatte sie geschmäht und verfolgt. Ich versuchte möglichst viel zu behalten, und kaum war ich im Treppenhaus, wiederholte ich wieder und wieder:


    Für sie webte ich ein weites Tuch

    Aus dürftigen Wörtern, ihnen abgelauscht.


Dort habe ich, ungeachtet des Verbots, alles aufgeschrieben, was ich behalten hatte. Die Fragmente aus dem Requiem habe ich noch am selben Tag Raja vorgetragen. Und sie prägte sie sich auch ein. ( … ) Achmatowas Dichtung half mir, mich vom ideologisch bestimmten moralischen Relativismus und von flach pragmatischen Vorstellungen über Ursachen und Ziele der Kunst zu befreien. Achmatowas eigene innere Freiheit ist auch von ihrer tief verwurzelten Religiosität mitbestimmt worden. ( … ) Sie blieb unabhängig von äußeren Gewalten, frei von jedwedem Fanatismus und gehorchte demütig und stolz der göttlichen Kraft ihrer Gabe.


Raissa Orlowa / Lew Kopelew: Zeitgenossen, Meister, Freunde. Albrecht Knaus Verlag, München und Hamburg 1989



Bücher von / über Anna Achmatowa

Стихотворения

Государственное издательство художественной литературы, Москва 1958

Gedichte

Staatlicher Literatur-Verlag, Moskau 1958


Стихотворения (1909 – 1960)

Государственное издательство художественной литературы, Москва 1961

Gedichte (1909 – 1960)

Staatlicher Literatur-Verlag, Moskau 1961


Голоса поэтов

Стихи зарубежных поэтов в переводе Анны Ахматовой

Издательство „Прогресс“, Москва 1965

Dichterstimmen

Gedichte ausländischer Lyriker in Übersetzung von Anna Achmatowa

Verlag „Progress“, Moskau 1965


Стихотворения

Бег времен

Советский писатель, Москва – Ленинград 1965

Gedichte

Der Lauf der Zeit

Verlag „Sowjetischer Schriftsteller“, Moskau – Leningrad 1965


Gedichte Anna Achmatowa

Werkheft Anna Achmatowa

zum Schuljubiläum der Freiherr-vom-Stein-Schule,

Münster, im Juli 1981


Анна Ахматова и русская культура начала ХХ века

Тезисы конференции

Издано Советом по истории Мировой культуры АН СССР, Москва 1989

Anna Achmatowa und die russische Kultur zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Konferenzthesen

Herausgegeben vom Rat für Geschichte der Weltkultur an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Moskau 1989


Б. Кац, Р. Тименчик

Анна Ахматова и музыка

Исследовательские очерки

«Советский композитор», Ленинград 1989

B. Kaz, R. Timentschik

Anna Achmatowa und die Musik

Forschungsbeiträge

Verlag „Sowjetischer Komponist“, Leningrad 1989

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